Elbe - Radweg / Teil 1

Elbaufwärts von Cuxhaven nach Tangermünde
Vom 25. September bis 1. Oktober 2007

Autor: Klaus Donndorf



Jeder denkt entzückt dasselbe: Oh wie schön ist Mutter Elbe!

Diesen lustigen Zweizeiler fand ich auf einer Seite im Internet, als ich mich bei der Planung meiner Radtour entlang der ELBE über den ELBE - Radweg informiert habe. Aber alle Informationen können die eigene Erfahrung nicht ersetzen, wie sich im Verlauf meiner - leider nur kurzen - Tour herausstellen sollte.

Ein vollmundiges Versprechen steht gleich zu Beginn in der Broschüre ELBERADWEG (unten) - es seien »860 Kilometer voller Überraschungen« und zu diesem »besonderen Erlebnis - nämlich einer Radwanderung entlang der ELBE - soll ich mich verführen lassen«!

Der Elberadweg (oben der Routenverlauf, rechts das Wegezeichen) gehört »zu den reizvollsten und abwechslungsreichsten, somit zu den beliebtesten Radwanderwegen in Europa. Vom Wattenmeer bei Cuxhaven bis zum Elbsandsteingebirge in der Sächsischen Schweiz - oder in umgekehrter Richtung - erwarten den Radler 860 Kilometer Vielfalt. Einzigartige Kultur, pulsierende Metropolen erfährt man genauso wie die unberührte Natur der Elbauen«.

Soweit die erwähnte Broschüre - die dann noch einen speziellen Tipp bereithält:
Man soll aufgrund der vorherrschenden Windrichtung NORD - WEST die Tour flussaufwärts fahren.
Und genau das habe ich getan - leider!

Auch diesmal habe ich wieder mit den bikeline - Tourenbüchern geplant. Sie erscheinen im Verlag Esterbauer. Ergänzend zu diesen Heften habe ich auch die Broschüre ELBERADWEG für meine Planung benutzt, die viele wichtige Informationen zum Streckenverlauf, zu Unterkünften und den reichlich zu benutzenden Fähren bietet.

bikeline - Tourenbuch
Elbe - Radweg Teil 1
ISBN 3-85000-086-9 / 9.90 €

bikeline - Tourenbuch
Elbe - Radweg Teil 2
ISBN 3-85000-035-4 / 10.90 €
Zu bestellen im Buchhandel oder bei www.amazon.de


Dienstag, 25. September

Nachdem das unbeständige Wetter, mit dem wir in diesem sog. Sommer beglückt wurden und auch unsere lange geplante Schottlandreise den Beginn meiner Radtour immer wieder verschoben hatten, bin ich - entgegen allen Ratschlägen der Familie und Verwandtschaft - am 25. September losgefahren. Zunächst mit dem IC von Dortmund - wohin mich Christiane mit dem Auto gebracht hat - über HH - Harburg nach Cuxhaven.

In Münster stiegen zwei Radler zu, die den »Ostseeradweg« fahren wollten. Ich bin also doch nicht so ganz allein mit meinem Vorhaben jetzt so Ende September.

In Cuxhaven habe ich mich selbstverständlich mit Anke und Heiner zu einem kurzen Snack bei einer Tasse Cappu bzw. Kaffee getroffen, bevor es richtig los ging. Und es war schön Ihr Beiden, dass Ihr Euch die Zeit genommen habt !!

Vom Cuxhavener Bahnhof aus hält man sich nach rechts zum REAL - Supermarkt, weiter nach rechts zur Neufelderstrasse und durch das Gebiet des Neuen Fischereihafens. Weiter geht es auf einem Radweg entlang einer Hauptsrasse, wo sich Cuxhaven mit einem grosen Plakat für meinen Besuch bedankt. Nette Geste.

Der Himmel war mit Wolken verhangen, es war kühl und ich war noch keinen Kilometer gefahren, als es anfing zu regnen. Also gleich das Regeneqipment angelegt, denn bis Balje - Hörne wollte ich auf jeden Fall kommen. Hier und für die nächsten zwei Tage hatte ich wieder Hotelzimmer vorgebucht.

Dann eine erste Unklarheit wegen der Wegführung (viele sollten noch folgen !), denn an einem Rechtsabzweig fehlte das Schild. Also weiter »nach Gefühl« bzw. in die Richtung, in die es gehen musste. Etwas eintönig zwischen ELBE links und Deich rechts, der Wind kommt von der Seite bzw. leicht von hinten, so geht es flott voran.

Ich fahre am Grodener- und am Altenbrucher Hafen vorbei, Väter lassen Windvögel mit und für ihre Kinder im Wind steigen und auf der ELBE sehe ich die ersten grossen Pötte. Auch viele »Growiane« und Deichschafe. Der Weg ist entsprechend ver-, aber auch meist besch...!

Nach 15 Kilometern ist Otterndorf erreicht; es liegt im Land Hadeln am Fluß Medem und hat eine wirklich sehenswerte Altstadt mit schönen Fachwerkhäusern. An einem entdecke ich einen sog. »Hexenbesen«; Steine, die wie ein Besen gemustert sind (rechts). Diese »Hexen- oder Donnerbesen« sollten nach dem Aberglauben der Otterndorfer die bösen Kräfte abwehren. Und mir kommt der »Neidkopf« an einem Haus in Hameln in den Sinn.

Belum heisst der nächst Ort, ganze 1000 Einwohner hat er. Aber im Verlauf der Geschichte spielte er bzw. die Belumer Schanze eine wichtige Rolle. Diese Belumer Schanze liegt direkt hinter dem Ostedeich und wurde wahrscheinlich zu Beginn des »Dreißigjährigen Krieges« angelegt. Sie war später in diesem Krieg zwischen Dänen und Schweden umkämpft, da sie die Kontrolle über die Osteeinfahrt und damit den Weg zum Sitz der Bremer Erzbischöfe ermöglichte.

Mich erwischt hinter Belum noch ein kräftiger Schauer und ich muss mich unterstellen. Vor Neuhaus dann zweigt der Radweg nach links zum Oste-Sperrwerk (oben). Es wurde zwischen 1964 und 68 nach der grossen Sturmflut von 1962 erbaut. Ich bin jetzt kurz vor meinem heutigen Ziel, das ich um 16.15 Uhr erreiche.

Ich hatte im Hotel Zwei Linden , Itzwördener Str. 4, Tel. 04753 / 84300 (unten) ein Zimmer für 42,- € vorbestellt und war voll und ganz zufrieden damit. Und mit dem leckeren und fast zu üppigen »Pannfisch«, den man mir abends servierte. Dieses Landhotel kann ich mit gutem Gewissen weiter empfehlen ! Unser Freund Heiner kannte das Hotel natürlich auch - wie könnte es anders sein. Und so habe ich der Chefin, Frau Beneke seine Grüsse bestellt und sie hat sich nicht nur gut an Dich, Heiner, erinnert, sondern sich auch sehr über die Grüsse gefreut. Bedauert aber, dass der Kontakt zur Firma Darboven heute nur noch per Telefon besteht, es gibt also wohl keinen Nachfolger.

Meine heutige Tagesbilanz

Gefahren 34 km Fahrzeit 1 : 47 Std. Durchschnitt 19,0 km/h Max 29 km/h Gesamt 34 km


Dienstag, 25. September

Gestärkt durch eine gute Nacht und ein ebensolches Frühstück - von der Chefin selbst serviert - fahre ich um 8.15 Uhr los. Der Wetterbericht heute im »Morgenmagazin« sieht garnicht so schlecht aus und bis auf einen kleinen Schauer, der mich in Stade erwischt, war es heute sogar sonnig-warm.

Ab Hörne führt mein Weg asphaltiert zunächst etwa 2 Kilometer genau nach Norden, zweigt dann um 90° nach rechts ab und es folgen etwa 13 eintönige Kilometer. Nur ein paar Bauern auf ihren Feldern und sehr viel Schlamm von Traktorenrädern auf der Strasse. Mein Rad sieht schlimm aus und in Stade ist eine Grundreinigung angesagt.

Zu meiner Linken sehe ich - ziemlich weit entfernt - im Morgendunst einige Schiffe auf der ELBE, bis ich gegen 9.30 Uhr Freiburg erreiche. Und mich frage, wieviel davon es in Deutschland wohl gibt. Ich kenne jetzt drei Städte mit diesem Namen, eine davon allerdings FrEYburg geschrieben.

Und dieses Freiburg an der Elbe hat auch nur knapp 2.000 Einwohner, aber ein schönes Stadtwappen. Und einen kleinen Hafen für Sportboote und Yachten.

Entweder passe ich nicht auf oder die Schilder fehlen tatsächlich - ich habe hier wieder Orientierungsprobleme. Fahre in die wahrscheinlich richtige Richtung, dann aber auf dem Radweg entlang der L 111 über Allwörden und Hamelwörden nach Wischhafen. Das ich mit Rückenwind und einem Durchschnitt von 20 km/h um 10.00 Uhr erreiche. An Wochentagen muss man nach Wischhafen hineinfahren, denn das Sperrwerk über der Wischhafener Süderelbe ist nur an Wochenenden geöffnet.

Entlang der L 111 bzw. B 495 fahre ich durch den langgestreckten Ort. Irgendwann sollte man rechts abbiegen, um über Hämelwördenermoor durch das flache Hinterland nach Dornbusch zu gelangen. Nur wo ? - ich entscheide mich kurz entschlossen dazu, weiter auf dem Radweg entlang der B 495 zu fahren. Der Radweg ist in gutem Zustand und diese Strecke ist auch etwas kürzer.

Ab Dornbusch bin ich dann wieder auf dem Elberadweg, Richtung ELBE und Krautsand. Zunächst ist das eine richtige Holperstrecke, du kannst nur langsam fahren. In Krautsand begegnet mir eine allein fahrende Dame und wir fahren grußlos aneinander vorbei. Später überhole ich sie erst und auf meine Frage im Vorbeifahren nach dem Wohin bekomme ich die Antwort: "Immer in diese Richtung". Nun, das war nicht zu übersehen. Dann aber, bei einem kurzen Stopp am Deich kommen wir ins Gespräch und werden uns später nochmal wiedersehen!

Jetzt kommt Gegenwind auf, der Himmel ist blau mit Schäfchenwolken und ich muss die Ärmel von der Weste abtrennen, weil mir warm wird; so fährt es sich etwas leichter. Immer am Deich entlang an Drochtersen vorbei, als plötzlich zur Rechten versteckt hinter Bäumen die Festung GRAUERORT vor Abbenfleth und Bützfleht auftaucht. Was macht ein solches Bauwerk hier an der ELBE, frage ich mich. Wikipedia muss die Antwort geben:


Die Festung Grauerort wurde in den Jahren 1869 bis 1879 von den Preußen zum Schutz vor feindlichen Schiffen auf der Elbe errichtet. Man nutzte die hohe Altmarsch nahe des Fahrwassers der ELBE aus, um in der Zeit, in der die Spannungen mit Frankreich zunahmen, schnell einen wirksamen Schutz des Hamburger Hafens zu haben.

Bereits im deutsch französischen Krieg 1870/71 war die Festung einsatzbereit. Die Festung wurde jedoch nie in Kampfhandlungen verwickelt.

Die denkmalgeschützte Anlage wird heute als modernes Museum genutzt.


Ich erreiche Stade gegen 12.30 Uhr und stehe gleich am Hansehafen mit seinen schönen Fachwerkhäusern (oben links), dem Alten Salzkran (oben rechts) und der Skulptur der »Fischverkäuferin« (unten links). Dann schlendere ich weiter zum Rathaus, das schon aus den Jahren 1667 bis 68 stammt (unten links).

Bei Wikipedia steht über die Geschichte von Stade:

  • Stade ist möglicherweise die älteste Stadt Norddeutschlands. Im 8. Jahrhundert v. Chr. entstand eine richtige Siedlung mit Hafen. Im Jahre 994 wurde die Siedlung von den Wikingern geplündert und Stade wurde das erste Mal erwähnt (Stethu).

  • Nach dem Aussterben der Grafen von Stade (Udonen) fiel Stade an Heinrich den Löwen. Nach dessen Entmachtung 1180 war es zwischen dem Erzbistum Bremen und den Welfen umstritten was die Stadt für ihre Zwecke auszunutzen wusste.

  • 1209 verlieh Kaiser Otto IV. Stade das Stadtrecht, das Bremen 1259 bestätigte zusammen mit dem Stapelrecht und der Befreiung von der Heerfahrt. Stade wurde Mitbegründerin der Hanse

  • 1279 gab sich der Bürgerrat eine eigene Verfassung, die sogenannten Stader Statuten. Ab 1361 besaß Stade das Recht, Bündnisse zu schließen und damit zwar nicht rechtlich, aber faktisch den Status einer Freien Reichsstadt.

  • Seine Blütezeit reichte bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein. 1628 eroberte Tilly die Stadt, kurz darauf eroberten es die Schweden (bis 1636). Nach einer dänischen Besatzung eroberten die Schweden sie endgültig 1643 und erhielten sie zusammen mit dem Erzbistum Bremen im Westfälischen Frieden auch offiziell zugesprochen.

  • Beim großen Stadtbrand am 26. Mai 1659 brannten zwei Drittel der Stadt nieder. Die Stadt wurde mit unverändertem Grundriss wieder aufgebaut. Die schwedische Herrschaft endete 1712; nachdem Stade kurz zum Königreich von Dänemark gehörte, wurde es ab 1715 ein Teil des Kurfürstentums Hannover.

  • Das Kernkraftwerk Stade (KKS) wurde 1972 in Betrieb genommen. Am 14.11.2003 wurde das zweitälteste in Betrieb befindliche Atomkraftwerk Deutschlands nach fast 32 Jahren Betriebszeit endgültig abgeschaltet.

  • Das Wappen der Stadt Stade zeigt einen Wappenschild mit dem aufwärts gerichteten Petrusschlüssel der Bischöfe von Bremen auf blauem Grund und ist durch Münzfunde seit dem 13. Jahrhundert nachgewiesen. Im 19. Jahrhundert wurden flankierend zwei Greife sowie das Spruchband mit den Buchstaben S.P.Q.ST. (Senatus Populusque Stadensis, lateinisch für »Der Stadtrat und die Bürger von Stade«) hinzugefügt.

Hier in Stade halte ich mich etwas länger auf, schiebe durch die Fussgängerzone, die von reichlich Touristen belebt ist, am Rathaus von 1667 (links) vorbei und gehe zur Kirche St. Cosmae et Damiani mit ihrer schönen Arp-Schnitger-Orgel (2 Bilder unten).

Arp Schnitger, dessen genaues Geburtsdatum unbekannt ist, wurde vermutlich in Schmalenfleth geboren und am 28. Juli 1719 in Neuenfelde bei Hamburg begraben. Er war einer der berühmtesten Orgelbauer seiner Zeit und der Vollender der norddeutschen Barockorgel.

Am Hansehafen spricht mich ein Herr an, der das gleiche GUDEREIT-Modell fährt, wie ich und berichtet von einer Radtour von Garmisch bis Rügen, die er zusammen mit einer Begleiterin im August gemacht hat - etwa 1.800 Kilometer - Respekt, das würde ich mir nicht zutrauen.

Gerade stehe ich am Bahnhof und komplettiere meine Jacke wieder mit den Ärmeln, weil es nach dem Regen merklich kälter geworden ist und der Wind auffrischt, hält Jemand mit den Worten "So sieht man sich wieder" neben mir - niemand Anderes, als die Einzelfahrerein - ich kenne doch Ihren Namen noch nicht - von heute Vormittag. Und so ist es fast selbstverständlich, dass wir die letzten Kilometer bis Jork gemeinsam fahren. Dann stellt sich auch noch heraus, dass wir im selben Hotel übernachten - Zufälle gibt es!

Bei Grünendeich fahren wir mal hinunter zum Fluss und da kommt auch gerade wieder so ein großer Pott an (oben links). Wir sind ja jetzt im ALTEN LAND - dem grössten Obstanbaugebiet Deutschlands - und der Weg ist gesäumt mit Apfelplantagen und diesen typischen Torbogen vor den schmucken Bauernhäusern (oben rechts). Aber der Weg ist auch sehr, sehr schmal, wie er oben auf dem Deich verläuft (unten links). Da muss man richtig aufpassen, denn holperig ist er obendrein. Und als ich die Zugbrücke (rechts unten) sehe, erinnere ich mich daran, dass Christel und ich 1987 schon mal hier mit unseren Rädern durchs ALTE LAND geradelt sind.

Trotz wieder einmal schlechter Beschilderung finden wir den Weg nach Jork und stehen um 16.00 Uhr an unserem Hotel Altes Land, Schützenhofstrasse 16, Tel. 04162 / 91460. Es ist unbedingt zu empfehlen, wenn auch nicht ganz billig. Aber sauber, ruhig und mit aufmerksamen Service und sehr guter Küche. Ich hatte hier für 58,- € vorgebucht und Frau Rajwa - wir haben uns endlich gegenseitig vorgestellt - hat zufällig im selben Hotel gebucht. Was schön war, konnten wir uns an diesem Abend doch beim und nach dem Abendessen angeregt unterhalten. In Begleitung zu fahren, zumal bei gleichem Leistungsstand, hat doch durchaus Vorteile!

Vor dem Abendessen und nachdem ich mein Rad einer gründlichen Säuberung unterzogen hatte, konnte ich mir noch die St. Matthias-Kirche aus dem 17. Jahrhundert von innen ansehen. Sie war zwar schon verschlossen, aber der zufällig anwesende Küster war so freundlich, mir nochmal aufzuschliessen. Auch hier stand einmal eine komplette Arp - Schnittger- Orgel; heute sind nur noch der Prospekt von 1709 sowie drei Register vorhanden. Die Familiennamen an den Türchen zu den Bankreihen bedeuten, dass diese Familien Geld für die Kirche gestiftet und sich so dieses Vorrecht erkauft haben.

Der heutige Tag ging nach einer »Finkenwerder Fischpfanne« und angeregter Unterhaltung mit Frau Rajwa zu Ende. War richtig nett !

Meine heutige Tagesbilanz

Gefahren 88 km Fahrzeit 5 : 10 Std. Durchschnitt 17,4 km/h Max 36,5 km/h Gesamt122 km


Donnerstag, 27. September

Da ich erst um 7.30 Uhr aufwache, sitze ich noch beim Frühstück, als Frau Rajwa - Sie bleibt heute noch im ALTEN LAND - dazu kommt. Und sich wundert, dass ich noch nicht los bin. Aber irgendwie habe ich es heute nicht so eilig und telefoniere auch noch mit Siegfried, bevor ich losfahre. Aber mit einem Treffen in Hamburg klappt es heute nicht, die neue Küche fordert seinen ganzen Einsatz.

Das Wetter sieht ganz gut aus und es wird heute auch nur wenig regnen. Dafür hat sich ein ekliger Nord-Ost Wind aufgetan und bläst mir schon gleich am Morgen ins Gesicht, als ich auf der K 39 aus Jork heraus Richtung Finkenwerder fahre - nein, gegen den Wind kämpfe. Ehrlich, es war heftig und ich denke an den Rat aus der o.g. Broschüre, man solle elbaufwärt fahren.

Da können mich die Apfelplantagen (rechts) auch nur bedingt beruhigen. Ich sehe sie aber trotzdem und auch dieses schöne Bauernhaus mit seiner typischen Brauttür (2 Bilder unten). Diese Brauttüren, die sich nur vom Hausinneren öffnen liessen, wurden benutzt, wenn der Bräutigam am Hochzeitstage seine Braut über die Türschwelle in ihr neues Heim trug. Aber auch zu Beerdigungen und als Notausgang bei Feuer oder anderen Katastrophen wurden sie benutzt.

Stichwort »Katastrophe« - dass ich von der Elbe nichts sehe, zähle ich nicht dazu. Aber den schmalen Radweg am Neuenfelder Hauptdeich, ein gefährlicher Zweirichtungsradweg und nur etwa 1,50 Meter breit. Nebenan fahren Busse und Lkw mit hoher Geschwindigkeit. Das ist schon kriminell, wenn man alleine fährt; richtig gefährlich wird es, wenn dir ein Radler entgegenkommt.

Und auch die mal wieder fehlende Beschilderung dort, wo der Weg lt. bikeline-Buch rechts abzweigt, dazu eine Strassenbaustelle - irgendwie kann ich das mit dem »beliebtesten Radweg« nicht so recht glauben.

Ich kämpfe also weiter gegen den Wind an, bleibe auf einem Radweg entlang der Hauptstrasse Richtung Finkenwerder. Links von mir liegt das AIRBUS-Gelände. Eine Hinweistafel mit Karte zeigt mir dann, dass die Angaben im bikeline-Buch nicht stimmen; eine ganz neue Erfahrung. Aber vielleicht ist mein Buch eine ältere Auflage.

Wichtig ist, dass ich auch so nach Finkenwerder hinein gelange und mit zweimal fragen - Schilder Fehlanzeige - stehe ich tatsächlich gegen 11.00 Uhr am Fähranleger nach Teufelsbrück. Die steile Rampe hinunter zum Wasser schiebe ich lieber, denn wenn hier die Bremsen mal versagen, liegst du sofort in der ELBE. Und das muss nicht sein! Ich muss sowieso noch etwa 20 Minuten auf die Fähre warten, aber dann geht es in nochmal 20 Minuten für 1.30 € - das Rad kostet nichts - hinüber nach Teufelsbrück und damit nach Hamburg, wo das Rätselraten bzgl. der Streckenführung lustig weitergeht.

D.h. lustig finde ich es eigentlich garnicht und mir kommen meine ungefähre Ortskenntnis von Hamburg und der kleine Stadtplan im bikeline-Heft zugute. Zunächst entlang der Elbe, ohne Autos, nur Jogger, Radler, Skater und Spaziergänger, aber dafür auch keine Schilder. Nun - die Richtung ist klar und solange die ELBE rechts von mir - ich sollte »steuerbords« sagen - liegt, kann nichts schief gehen.

Schief ist aber der Baum gewachsen, den ich am Elbufer entdecke (unten links) und dann sehe ich diesen »Hinkelstein« (unten rechts). Was hat es damit auf sich ?


Hamburgs ältester Einwanderer.

Im September 1999 wurde bei Baggerarbeiten zur Fahrrinnenvertiefung der Elbe in ca. 15 Meter Tiefe ein Findling großen Ausmaßes gefunden. Er wurde erst beim zweiten Versuch gehoben und dann an das Elbufer bei Övelgönne gebracht.

Der Findling hat ein Gewicht von 217 t und einen Umfang von fast 20 m. Er ist der älteste Großfindling Deutschlands: Während die anderen großen Findlinge durch die Gletscher der Weichsel- und Saale-Eiszeit ihre Fundorte erreichten, ist dieser Findling schon während der Elster-Eiszeit hierher gebracht worden. Er muss deshalb etwa dem Verlauf der heutigen Ostsee-Senke folgend transportiert worden sein.

Dieser Findling wurde am 6. Juni 2000 auf den Namen »Alter Schwede« getauft und offiziell eingebürgert, ist sozusagen

»Hamburgs ältester Einwanderer«.

Die Strasse durch Hamburgs Fischmarkt ist nicht sehr Radfahrer-freundlich. Dicke »Katzenköppe« rütteln dich kräftig durch, einen Radweg gibt es nicht und mit der Rücksicht der Autofahrer - meist LKW oder Transporter - ist es auch nicht weit her.

Also Zähne zusammen beißen und durch und gegen 12.00 Uhr bin ich bei Sonnenschein an den »Landungsbrücken« (links) und stehe kurz danach am Liegeplatz der »Rickmer Rickmers« (unten links). Von wo ich eine SMS an Christel schicke und mir das lebhafte Treiben ansehe, das hier heute wieder herrscht.

Entlang der St. Pauli-Hafenstrasse, dem Johannisbollwerk und Vorsetzen komme ich zur Strasse Hohe Brücke. Von rechts grüssen die alten Backsteingebäude der Speicherstadt (unten rechts) und am Nikolaifleet (2. unten links) mache ich auch eine Aufnahme.

Ich bin sehr froh, im bikeline-Buch einen Stadtplan von Hamburg mit den Strassennamen zu haben. So weiss ich, dass ich vom Dovenfleet rechts abbiegend zur Banksstrasse fahren muss. Trotzdem zögere ich hier wieder, denn an einer Ampel stehen diesmal mehrere Schilder und ich muss mich erst orientieren.

In dem Moment halten zwei Stadtscouts in Uniform und fragen, ob sie mir helfen können. Sicher, sage ich und frage, wie ich zum Sperrwerk Billwerder Bucht komme. Betretenes Schweigen, aber ein Alki im Rollstuhl zeigt mir mit alkoholschwangerer Stimme den Weg. Der über eine Treppe, eine Baustelle und eine Bahnunterführung - ich muss schieben - über die Lippeltstrasse zur Amsinckstrasse führt.

Da es hier wieder Hinweisschilder gibt, stehe ich auch kurz danach vor dem Sperrwerk (unten rechts), fahre hinüber und danach gleich wieder links ab Richtung Ochsenwerder. Vorher führt mein Weg durch eine Grünanlage und rechts sehe ich die Alten Elbbrücken (unten links), über die ich 1955 zum ersten Mal mit meinem Bruder und meinem Freund Dietmar auf unserem Weg zur Ostsee gefahren bin. Muss ich heute dran denken!

In Moorfleet muss ich mich entscheiden, ob ich auf dem Elberadweg weiterfahre oder Siegfrieds Vorschlag folge und die landschaftlich reizvollere Strecke über Goseburg und Fünfhausen entlang der Dove Elbe fahre.

Der Zufall kommt mir in Form eines Einheimischen entgegen. Der kennt diesen anderen Weg auch und rät heute bei dem starken Wind davon ab, denn auf dem Deich wäre ich dem starken Ostwind total ausgeliefert. Und ausserdem soll ich bei Lütjenburg mit der Fähre (links) aufs südliche Elbufer übersetzen - kostet 2.50 € incl. Rad - und über Hoopte und Drage nach Lauenburg weiterfahren.

War sicher gut gemeint, aber was der Mann bestimmt nicht wusste, war die Tatsache, das hinter Hoopte die Wegeschilder mit Klebestreifen verklebt waren. Was heissen sollte, dass der Weg gesperrt ist. Zum Glück war genau hier eine Gastwirtschaft, wo ich fragen konnte. Und die Auskunft erhielt, dass die neue Strasse nach Laßrönne vor einer Woche wieder freigegeben worden ist und wohl nur die Klebestreifen noch nicht entfernt wurden. Der beliebteste deutsche Radweg wartet mit immer wieder neuen Überraschungen auf !

Die Strecke von Hoopte über Laßrönne nach Drage geht in die Geschichte meiner Radtouren ein und zwar unrühmlich. Was sich mir auf dieser vollkommen freien Strecke an Gegenwind entgegen stemmte, war höllisch. Meine Geschwindigkeit ging in einstellige Bereiche runter und dass es in Laßrönne wieder Orientierungsprobleme gab, hob meine Stimmung auch nicht. So war ich froh, als Geesthacht in der Ferne am anderen Ufer auftauchte und kurz darauf das ins Gerede gekommene AKW Krümmel (links).

Der Weg hier am und auf dem Deich ist eigentlich schön und die VIERLÄNDER Gemüsefelder und Höfe und der Blick über die ELBE sorgen für Abwechslung fürs Auge. Aber bevor du übermütig wirst, steht da plötzlich ein Wegeschild um genau 90° gedreht und leitet dich logischerweise falsch. Da der falsche Weg im Uferdickicht endet, heisst es also umkehren und das Schild wieder in die richtige Richtung drehen.

Nieder- und Obermarschat, danach an Tespe vorbei, immer auf dem Deich, aber sehr einsam. Ab und zu ein Spaziergänger mit seinem Hund oder ein Schäfer mit seiner Herde. Wenn dir hier etwas passiert, ist Hilfe nicht so schnell zu erwarten.

Jetzt noch an Avendorf und Artlenburg vorbei und ich fahre über die Elbebrücke hinüber nach Lauenburg. Es ist 18.00 Uhr, aber bevor ich unter die Dusche kann, muss ich noch einen sehr steilen Berg hinaufschieben zu meinem Hotel. Ich hab aber auch immer ein Glück, dabei hat mich der Wind heute doch schon ganz schön geschafft. Und dann das Hotel Bellevue, Blumenstrasse 29, Tel. 04153 / 2318 - es hatte sicher mal bessere Zeiten gesehen, aber das muss lange her sein. Denn jetzt bot es einen etwas heruntergekommenen Anblick. Nur der Panoramablick über das Elbtal muss bei schönem Wetter berauschend sein.

Da ich kein Vertrauen in die Küche dieses Hauses habe - ich scheine der einzige Gast zu sein - kaufe ich mir ein Stück Maasdammer und 3 Brötchen und »nehme« mein Abendbrot heute auf meinem Zimmer. Das kein Telefon hat, aber wenigstens einen Fernseher. Und die Heizung funktioniert auch, denn es ist abends vernehmlich kühl. Ansonsten aber Nicht empfehlenswert !

Meine heutige Tagesbilanz

Gefahren 93 km Fahrzeit 6 : 37 Std. Durchschnitt 14,3 km/h Max 36 km/h Gesamt215 km


Freitag, 28. September

Der Blick heute Morgen aus dem Fenster hinunter zur ELBE macht meine Hoffnung auf eine trockene Fahrt heute zunichte - es nieselt, ist diesig grau in grau und sehr kühl. So nehme ich mir viel Zeit, frühstücke in aller Ruhe und überlege ernsthaft, ob ich hier in Lauenburg einen Ruhetag einlegen soll.

Hätte ich wohl besser getan! Aber ich entscheide mich doch zum Weiterfahren, ziehe also das komplette Regenequipment an - heute schon den dritten Tag - und starte gegen 10.00 Uhr Richtung Gorleben. Das hatte ich mir heute als Ziel vorgenommen, etwa 90 Kilometer.

Ich bin nicht in der Stimmung, mir dieses sicher sehr reizvolle Lauenburg anzusehen. Besonders der unten an der ELBE liegende alte Teil machte gestern Abend beim durchfahren einen schönen Eindruck. So soll aber wenigstens wieder etwas Information über seine Geschichte folgen: (aus Wikipedia):


  • Die Stadt wurde samt der namensgebenden Lauenburg 1182 von Bernhard von Askanien gegründet, dem Vorfahren der Herzöge von Lauenburg. Der Name leitet sich von dem slawischen Wort Lave für Elbe ab.

  • Lauenburg war Herzogtum bis 1689. Im Mittelalter war Lauenburg ein wichtiger Handelspunkt am Stecknitzkanal, der hier von der Elbe abzweigte. Die Alte Salzstraße überquerte die Elbe 4 km westlich bei der Ertheneburg bei Schnakenbek.

  • 1865, nach dem Deutsch-Dänischen Krieg, kam im Vertrag von Gastein Schleswig zu Preußen, Holstein zu Österreich, Lauenburg wiederum zu Preußen.

  • Während des Zweiten Weltkriegs blieb die Stadt weitgehend von Zerstörungen verschont. Beim Rückzug der Wehrmacht über die Elbe wurde die Lauenburger Elbbrücke 1945 von deutschen Pionieren gesprengt.

  • Das Stadtwappen Wappen zeigt in Silber eine rote Burg mit goldenem Tor in der Mauer und zwei spitz bedachten Zinnentürmen; zwischen ihnen schwebend ein gespaltener Schild: vorn in Silber ein halber roter Adler am Spalt, hinten neunmal geteilt von Schwarz und Gold, überdeckt mit schrägem, gebogenem grünen Rautenkranz.


Zunächst musste ich den steilen Berg wieder hinunter fahren, was bei dem Kopfsteinpflaster nicht ganz einfach war. Unten geht es wieder über die Elbebrücke zurück aufs südliche Ufer nach Hohnstorf. Und hier geht das mit den fehlenden Wegeschildern schon wieder los. Ist Brackede zunächst noch genannt - dahin muss ich zunächst - wird auf einmal Hittenbergen angezeigt. Was nicht auf meiner Route liegt. Also wieder fragen und ein netter Einwohner weist mir den Weg. Der führt eben am Deich entlang (links), gut zu fahren bis auf den wieder sehr starken Gegenwind. Aber es hat aufgehört zu regnen !

Bis etwa Brackede führt der Radweg genau nach Osten, ab Radegast zweigt er in südliche Richtung ab. Und das bedeutete für mich etwas Rückenwind - eine richtige Erholung. Vor Bleckede kommt man auf einen Radweg neben der K 27, den man dann aber vor Bleckede wieder nach links abbiegend verlässt. Am Schloss vorbei gelangt man in die Innenstadt.

Hier heisst es aufpassen, damit man nicht, wie ich, den gut sichtbaren Schildern nach Neu Darchau folgt, sondern denen des Elberadwegs. So es sie denn gibt. Ich fahre jedenfalls diesen genannten Schildern nach, zunächst an der ziemlich befahrenen Landstrasse L 222 ohne Radweg, dafür aber mit Steigungen durch ein Waldgebiet nach Nindorf. Und wieder mit Nieselregen ! Dann zweigt der Weg scharf nach links ab und man gelangt über Göddingen, immer noch entlang einer Landstrasse, nach Alt Garge. Mit einer interessanten Kirche (links).

Jetzt auf einem gut zu fahrenden Radweg entlang der K 24 mit Birken gesäumt und ehe man sich versieht, ist man raus aus dem Landkreis Lüneburg und drin im Landkreis Lüchow-Dannenberg.

In Neu Darchau setze ich wieder mit einer Fähre auf das rechte Elbufer über - kostet je 1.50 € fürs Rad und für mich - nach Darchau. Ich wollte nicht durch den Höhenzug »Die Klötzie« fahren - wäre vielleicht besser gewesen !?

Ein Hinweis auf der Fähre (unten) informiert darüber, dass hier bei Neu Darchau amerikanische Pioniere am 1. Mai 1945 eine Pontonbrücke über die ELBE gebaut haben.

Hinter Darchau biegt der Elberadweg - beschildert, ich kann es kaum glauben! - nach rechts ab und mein bikeline-Buch verzeichnet eine »schlechte Wegstrecke». Dachte ich zunächst, dass diese Angabe für den unten links gezeigten Pfützenweg passte, wurde ich kurz darauf eines Besseren belehrt - denn dann ging es richtig los !

Diese Marterstrecke ist zwar nur etwa 2 Kilometer lang, sie kam mir aber mindesten doppelt so lang vor. Und ich hatte Sorge um mein Hinterrad und hoffte nur, dass keine Speiche bricht. Ich sagte doch schon - der beliebtste deutsche Radweg bietet immer wieder neue Überraschungen. Diese hier ist besonders gelungen ! Vielleicht wäre der Weg über »Die Klötzie« doch besser gewesen.

Bei dem Gut Groß Banratz gelangt man dann wieder auf eine gut asphaltierte Landstrasse, zwar ohne Radweg, aber wenig befahren. Das man an dieser Einmündung rechts abbiegen muss, muss man einfach nur wissen, denn ein Schild gibt es auch hier nicht.

Während ich bei wärmender Sonne in meinem Regenklamotten vor mich hin schwitze - ausziehen macht keinen Sinn, denn das Wetter ändert sich ständig - sehe ich rechts den Höhenzug »Die Klötzie« (links). Schnurgerade verläuft die Strasse, weit und breit kein Mensch, die am Wege liegenden Gehöfte wie ausgestorben. Aber ich habe etwas Rückenwind, fahre - abweichend vom bikeline - rechts ab auf eine neue, betonierte Trasse etwas eintönig am Deich entlang. Es stehen einige einsame Häuser und Höfe am Wege und als der kleine Ort Bitter erreicht ist, finde ich das gar nicht bitter, sondern schön. Denn gleich werde ich in Hitzacker sein.

Bei Herrenhof bringt mich eine Fähre wieder aufs linke Elbufer. Kostet eigentlich fürs Rad und für mich je 1.50 €. Da ich aber nur Kleingeld für mich habe und der Fährmann meine 50,- € nicht wechseln kann, fährt mein Rad umsonst mit.

Ich entschliesse mich, hier in Hitzacker zu übernachten und finde mit dem Hotel/Cafè Dierks, Kranplatz 2,Tel 05862 / 98780 (rechts) auch beim ersten Anruf ein sehr schönes Hotel. Leider ohne Homepage, aber mit sehr gemütlich-sauberem Zimmer, guter Heizung und einem grossen Bad. Hier kann ich meine nassen Klamotten gut verteilt zum Trocknen aufhängen und mich unter die Dusche begeben. Dann mache ich einen Rundgang durch den Ort, bevor ich mir ein Putengeschetzeltes mit Bandnudeln schmecken lasse.

Meine heutige Tagesbilanz

Gefahren 66 km Fahrzeit 4 : 24 Std. Durchschnitt15,3 km/h Max 45 km/h Gesamt 281 km

Samstag, 29. September

Das Frühstück serviert mir heute morgen eine Frau aus Sibirien. Dort habe man, im Gegensatz zu hier, schönes Sommerwetter. Eine verrückte Welt ist das ! Hier sieht es heute morgen jedenfalls wieder so nach Regen aus, dass ich das komplette Regenequipment anziehe. Linkselbisch starte ich Punkt 8.00 Uhr, denn ich will die fehlenden 22 Kilometer von gestern wieder aufholen. Habe also nicht 92, sondern 114 Kilometer »vor der Brust« - denke ich wenigstens. Abends in Tangermünde kommt dann die große Überraschung.

Aus Hitzacker hinaus ist der Weg gut beschildert, verläuft teils asphaltiert, teils mit Verbundpflaster auf oder neben einem Deich. Bald bin ich in Damnatz, wo ich eigentlich gestern noch hin wollte, aber beide Gasthäuser waren besetzt - das Wochenende ?

Plötzlich sehe ich bei Dömitz eine endlos lange Brücke vor mir. Was hat es damit auf sich, zumal sie im bikeline nicht vermerkt ist?

Es ist die ehemalige Eisenbahnbrücke mit ihren zahlreichen Eisenrundbögen über die Auwiesen bis zur ELBE. Die 1872 erbaute Stahlfachwerkbrücke ist 900 m lang und hat 24 Brückenbögen auf 25 Pfeilern und zwei Brückenköpfen. Bemerkenswert sind auch die kastellartigen Bauten am Brückenanfang. Heute ist die Brücke außer Betrieb.

Von Langendorf bis Gorleben verläuft ein Radweg, erst an der K 27, dann B 216 entlang. Gorleben wurde 1360 erstmals durch Urkunde der Herrschaft zu Dannenberg (Elbe) erwähnt. Der Name »Gorleben« leitet sich vermutlich aus Goor = Schlick; slawisch Gor jedoch Berg und leben = Erbe ab. Bundesweite und internationale Bekanntheit erlangte die Gemeinde Gorleben durch die Pläne für die Einrichtung eines nationalen Atommülllagers.

Ich halte mich hier nicht auf, ist auch sowieso kein Mensch weit und breit zu sehen. Weiter geht es Richtung Schnackenburg. In Vietze sehe ich diese Kapelle (unten links), aus Feldsteinen schon vor 1300 erbaut. Und ab hier wähle ich eine Abkürzung entlang der K 28, ohne Radweg, dafür mit einer langgezogenen Steigung. Die nach nichts aussieht, es aber in sich hat. Über Brünkendorf gelange ich nach Gartow und weiter über Holtorf nach Schnackenburg.

Zwischendurch regnet es immer mal wieder, dann scheint die Sonne und nur der Wind macht keine Pause und stellt sich mir entgegen.

In Schnackenburg begehe ich den entscheidenden Fehler und bestelle mir telefonisch ein Zimmer im Hotel »SchwarzerAdler« in Tangermünde. Ich hatte wegen des Wochenendes Bedenken, evtl. heute abend kein Zimmer zu haben. Mache mir aber keine Vorstellung davon, wieviel Kilometer das bedeutet !

Wenigstens gibt es hier Wegeschilder und so brauche ich keine Zeit mit suchen zu verschwenden. Weit ab von der ELBE, aber flach und asphaltiert kommt bald Wittenberge in Sicht. Leider habe ich keine Zeit, mir die Stadt anzusehen. Vielleicht hätte ich hier schon für heute Schluss machen sollen - hab´ ich aber nicht.

Ab Eickerhöfe sollte es einen neuen Radweg geben. Gab es aber nicht und ich hätte dem Vorschlag von Frau Rajwa folgen und rechtselbisch über Rühstädt fahren sollen. Hätte, hätte...

So quäle ich mich über Beuster nach Werben. Der Weg hat hier oft nur zwei Fahrspuren, in der Mitte ist Gras und wenn du mal zur Seite schaust, besteht die Gefahr, von der Spur abzukommen.

Soll, besser: kann ich mir Havelberg anschauen ? Nein, die Zeit reicht nicht, ich muss weiter. Gegen den immer stärker blasenden Wind. Wie war das mit der »vorherrschenden Windrichtung« ?

Diese zwei Relikte aus DDR - Zeiten sah ich an meinem Weg auch. Rechts ist u.a. ein Erdbeobachtungsbunker zu sehen.


Dieser Weg über Werben schlaucht und ich trete nur noch in die Pedale. Schaue kaum links oder rechts. In Werben möchte ich nach dem Weg fragen, sehe aber weit und breit keinen Menschen. Ich will schon an einem Haus schellen, da erscheint doch noch ein menschliches Wesen und erklärt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Und gleich da vorne biege eine Strasse rechts ab Richtung Berge.

Diese »Strasse« hätte ich fotographieren sollen. Ein besserer Feldweg, übersät mit Pfützen. Ganz am rechten Rand ein etwa 1,- Meter breiter, asphaltierter Streifen. Du glaubst es nicht ! Und es geht auch lustig rauf und runter, als ob der Wind und der Regenschauer, der mich hinter Werben erwischt, nicht ausreichten.

Ich hoffe immer noch, um 18.00 Uhr in Tangermünde zu sein. Hinter dem Örtchen Kannenberg folgt dann aber nochmal eine »schlechte Wegstrecke« - also Kopfsteinpflaster wahrscheinlch von 1800 - wo ich erst schiebe, dann am 5o cm breiten Rand entlang fahre. Was aufhält.

Und plötzlich taucht, mitten im Wald, der »Büttnershof« auf (rechts). Einsamer geht es wirklich nicht - aber: dieser 250 Jahre alte, unter Denkmalschutz stehende Adelssitz der Familie von Katte von Lucke wurde stilgerecht und mit viel Liebe im Detail zu neuem Glanz erweckt.

Ich halte mich nicht lange hier auf, es geht weiter Richtung Hohenberg - Krusemark. Wind und Regen wechseln sich ab, wenigstens ist die Beschilderung hier in Sachsen-Anhalt besser. Und so wird mir hinter Altenzaun eine kleine Abkürzung entlang der K 64 nach Arneburg angezeigt. Die ich gerne fahre, nicht wissend, dass es an dieser K 65 zwar einen Radweg gibt, sie aber ansonsten ohne jeden Schutz über eine Höhe führt. Wo mich ein neuerlicher Schauer und starker Gegenwind beglücken.

Voraus Richtung Dalchau sehe ich die Silhouette eines grossen Werkes. Daneben aber auch alte, halb verfallene Werksanlagen - Relikte aus DDR-Zeiten. Es handelt sich zum Teil um Überreste des Kernkraftwerks Stendal, auf dessen ehemaligem Werksgelände der Industrie- und Gewerbepark Altmark entstand. Mit inzwischen zwei großen Fabriken für Zellstoff und für Hygienepapier.

Ich muss um dieses Industriegelände herumfahren, um über die K 63, schön ansteigend bis zum Abzweig nach Arneburg zu gelangen. Der Ort macht jetzt am späten Samstagnachmittag - es ist inzwischen 17.30 Uhr - einen total ausgestorbenen Eindruck. Ein Wegweiser zeigt mir aber an, dass es bis Tangermünde nur noch etwa 13 Kilometer sind. Und die schaffe ich heute auch noch.

Rufe also im Hotel an und informiere, dass ich noch komme, damit man mir auch bestimmt mein Zimmer frei hält. Was mir die Dame an der Rezeption verspricht, denn nach dem heutigen Tag habe ich nur noch einen Wunsch - duschen, etwas Gutes essen und ab ins Bett.

18.45 Uhr zeigt meine Uhr, als ich an dieser Rezeption stehe und ein Blick auf meinen Tacho sagt mir, dass es heute 150 Kilometer geworden sind. Was ich zunächst nicht glaube, aber es stimmte. Und mir ist klar, dass ich mich vorher bei der Planung irgendwie mit diesen Kilometern verrechnet habe. Für heute bin ich jedenfalls ziemlich groggy.

Nach der Dusche, dem Umziehen und einem schmackhaften Abendessen nach dem Motto:

»Es gibt nix Besseres, als wia was guat´s«
ging´s gleich in die Querlage. Morgen werde ich einen Ruhetag einlegen.

Und der Regen rauscht unaufhörlich !

Meine heutige Tagesbilanz

Gefahren 150 km Fahrzeit 9 : 10 Std. Durchschnitt 16,5 km/h Max 37 km/h Gesamt 330 km


Sonntag, 30. September

Heute wollte ich in Tangermünde einen Ruhetag einlegen, so war meine Planung bisher. Den Sonntag nutzte ich, um mir Tangermünde ausgiebig anzusehen.


»Ein Rundgang durch diese Stadt ist eine Begegnung mit vergangenen Jahrhunderten.
Hier zeigt sich Geschichte nicht nur in Jahreszahlen, sondern sie ist erlebbar und allgegenwärtig«

- so steht es im Stadtprospekt. Und es stimmt.

Meinen Rundgang beginne ich am Rathaus (oben links) mit seiner prächtigen Schauwand, die um 1430 errichtet wurde. 50 Jahre später folgte der restliche Bau. Gleich daneben das Neustädter Tor (oben rechts), schon zwischen 1300 und 1450 errichtet.


Ich gehe weiter zum Schloss bzw. der Burg, die unter Kaiser Karl IV. sogar Kaiserpfalz war. Die Kanzlei und der Kapitelturm (Bergfried) aus dem 14. Jahrhundert. Der Gefängnisturm von 1480 und das Denkmal Kaiser Karl IV., ein Geschenk, das Kaiser Wilhelm II. 1900 der Stadt gemacht hat. (Bilder im Uhrzeigersinn)

Dazwischen wieder etwas Stadtgeschichte (aus Wikipedia):


  • Urkundlich erwähnt wird die Burg von Tangermünde erstmals im Jahre 1009. Die erste urkundliche Erwähnung der Stadt datiert aus dem Jahr 1275. Die Lage auf einem Uferfelsen an der Elbe machte die Stadt zum Erhebungsplatz der Elbzölle und zur markgräflichen Residenz.
  • Im 14. Jahrhundert war Tangermünde zeitweise der Zweitsitz von Kaiser Karl IV. Aus der alten Burg wurde eine Kaiserpfalz.
  • Das 15. Jahrhundert ist als die Blütezeit Tangermündes anzusehen. Die Stadttore und das Rathaus in der norddeutschen Backsteingotik entstanden. Die St. Stephanskirche wurde zur gotischen Hallenkirche ausgebaut.
  • Die Gunst des Kurfürsten Johann Cicero von Brandenburg verlor die Stadt nach der Rebellion von 1488, bei der es um die Biersteuer ging. Die Residenz wurde in der Folge nach Cölln verlegt.
  • 1617 brannte die Stadt fast vollständig ab. Die Schuld daran gab man der Waisen Grete Minde, die aus Rache für das ihr vorenthaltene väterliche Erbe gehandelt haben soll. Sie wurde zum Tode verurteilt und 1619 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Theodor Fontane inspirierte dieses Ereignis 1880 zu seiner gleichnamigen Novelle.
  • Der Altstadtkern mit Befestigung wurde im 19. Jahrhundert, im Gegensatz zu den meisten Städten in Europa, nicht angetastet. Auch der Zweite Weltkrieg hinterließ im Stadtzentrum kaum Spuren.
  • Auch in der Zeit der DDR wurde die Altstadt nicht verändert. Zwar verschlechterte sich der Zustand der Bausubstanz, aber die wichtigsten Denkmale wurden zumindest gesichert.
  • Das Stadtwappen zeigt in Silber einen roten Adler mit goldener Bewehrung, die Schwingen besteckt mit je einer silbernen Rose mit goldenem Butzen.


Vom Elbufer gehe ich zurück durch das Elbtor (links) und die Strasse Roßfurt hinauf in die Stadt, wo das Hühnerdorfer Tor (rechts) zu sehen ist.

Aber die Stadtsilhouette wird dominiert von dem gewaltigen Backsteinbau der Stephanskirche. Nachdem bereits im 9. Jahrhundert hier eine Kirche stand, wird der Bau der Stephanskirche auf die Zeit um 1400 bis etwa 1470 datiert. Der Turm stammt sogar erst aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts (2 Bilder re. u. li.)

Das soll von Tangermünde genügen. Ich habe mich inzwischen entschlossen, morgen mit dem Zug über Stendal nach Magdeburg und von dort nach Hamm, also nach Hause zu fahren. Denn auch heute hat es immer wieder geregnet, war kalt und windig. Bis jetzt hatte ich jeden Tag Regen dabei, mal mehr, mal weniger. Und der Wetterbericht sagt keine Wetterbesserung voraus.

In Magdeburg hatte ich 2 Stunden Aufenthalt. Die nutze ich, um mir nochmal den Dom anzusehen. Dabei sprach mich ein Ehepaar Naumann aus Hamburg an, auch Radler und versprach, sich mal per Mail zu melden. Liebe Naumanns - ich würde mich über Ihre Nachricht freuen !

Natürlich habe ich es bedauert, dass ich meine Elberadtour abbrechen musste. Ich denke aber, ich werde sie nächstes Jahr zu Ende fahren, dann aber mit weniger anspruchsvollen Tagesetappen.

»Ende«