Mecklenburgischer Seen - Radweg

Von Lüneburg nach Usedom
05. bis 14. September 2010

Autor: Klaus Donndorf



Wälder, Seen und Ruhe - damit ist, so meint mein bikeline, "der Mecklenburgische Seen - Radweg bestens beschrieben". Da bin ich doch mal gespannt, ob die unendliche Weite dieses Landes wirklich beruhigend und erholsam auf meine Radlerseele wirkt. Immerhin muss (bzw. kann) man etwa 660 Kilometer von Lüneburg bis Wolgast fahren.

Und beim Studium des Streckenverlaufes im Heft bemerke ich doch eine ganze Menge dieser kleinen schwarzen Winkel, die mir Steigungen signalisieren - aber zum Glück auch Abfahrten. So hoffe ich, dass erstere nicht zu heftig ausfallen.

Rechts zeige ich das Wegezeichen und hoffe, dass es immer gut sichtbar angebracht ist. Es reicht nämlich eigentlich, wenn bzgl. der Wegequalität von "allen möglichen Bodenbelägen" geschrieben wird - einschl. Sandwege und Kopfsteinpflaster, "auf denen man kräftig durchgerüttelt wird". Da denke ich doch gleich an den Elberadweg. Solche "Vorwegweiser" (links) waren aber unterwegs sehr hilfreich - eine gute Idee !

Auch für diese Tour habe ich wieder ein bikeline - Heft aus dem Verlag Esterbauer als Grundlage für meine Planung und während der Fahrt benutzt und zwar das vom

Mecklenburgischen Seen - Radweg

ISBN 978-3-85000-181-6 / Preis: 12,40 €
Zu beziehen im Buchhandel oder bei www.amazon.de

Am Sonntag, dem 5. September war es soweit, dass ich zu dieser Tour starten konnte. Von Hamm aus fuhr mein Zug über Hannover nach Lüneburg, wo ich schon gegen 14.00 Uhr nach einer angenehmen Fahrt ankam. Die Sonne scheint und am blauen Himmel stehen dicke weiße Wolken, die ein leichter Wind vor sich her treibt. Ich hatte geplant, mich in Lüneburg, das ich von früheren Besuchen schon kannte, nur kurz aufzuhalten und noch am Nachmittag die ersten 40 Kilometer bis Neu Garge an der Elbe zu fahren.

Links der
Alte Kran am Stintmarkt

Rechts das
Lüneburger Rathaus

In der Stadt sind heute am Sonntag viele Spaziergänger unterwegs und die Straßencafes und Eisdielen sind gut besetzt. Es ist einfach ein schöner, sonniger Herbsttag und ich radle langsam durch die Fußgängerzone "Am Sande" (unten links), vorbei am Rathaus von 1230 (rechts) und der alten Raths Apotheke von 1598 (unten rechts). Solche Motive verleiten geradezu dazu, fotografiert zu werden!




Links die
Fußgängerzone

Rechts die
Alte Rats-Apothheke

Etwas Lüneburger Geschichte
  • Erste Zeugnise von Ansiedlungen reichen von der Zeit des Neandertalers über das 6. vorchristliche Jahrtausend und die Bronzezeit bis zum sog. Aunjetitzer Randleistenbeil aus der Zeit um 1900 v. Chr.
  • Der vom griechischem Geografen Claudius Ptolemäus etwa 150 n. Chr. aufgeführte Ort Leuphana könnte mit Lüneburg identisch sein.
  • Die erste urkundliche Erwähnung Lüneburgs im Mittelalter findet sich in einer Urkunde von 956 von Kaiser Otto I.
  • Durch seine lange Monopolstellung als Salzlieferant im norddeutschen Raum, war Lüneburg sehr früh Mitglied der Hanse geworden. Seit Ende 2007 trägt Lüneburg wieder offiziell den Titel Hansestadt.
  • Um 1235 entstand das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg und im Jahr 1392 wurde Lüneburg das Stapelrecht verliehen.
  • Eine Krise bedeutete der Lüneburger Prälatenkrieg von 1446 bis 1462, der erst aufgrund der Intervention des dänischen Königs Christian I. und zweier Bischöfe beigelegt werden konnte.
  • Noch vor dem Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher begann in Lüneburg am 17. September 1945 der erste Kriegsverbrecher-Prozess (Bergen-Belsen-Prozess).

Gegen 15.00 Uhr verlasse ich Lüneburg auf dem ausgeschilderten Weg in nordöstlicher Richtung. Scharnebeck ist der nächst Ort. Vorher komme ich aber noch am Kloster Lüne vorbei, das 1172 von einer Hildeswidis von Markboldestorp gegründet wurde (links). In der Gründungsurkunde ist kein Bekenntnis aufgeführt; erstmals 1272 wurde das Kloster als Benediktinerinnenkloster erwähnt.

Bild links
Kloster Lüne

Bild rechts Buchholzheide

Leicht radle ich auf Asphalt am Kloster vorbei, genieße den Blick über die Buchholzheide (rechts) und komme zu dem kleinen Ort Erbstorf und da kommt mir - natürlich - die Erbstorfer Weltkarte in den Sinn. Wir hatten bei Vorlesungen an der Uni Münster von dieser mittelalterlichen mappa mundi erfahren, dieser größten mittealterlichen Weltkarte, die aus 30 Pergamentblättern genäht war und bei der Das Himmlische Jerusalem im Mittelpunkt stand.

Nun - für mich stand heute mein Tagesziel im Mittelpunkt und das lag noch runde 35 Kilometer entfernt, also ohne Aufenthalt weiter. Bei Scharnebeck sehe ich mir das Schiffshebewerk an (unten), fahre aber ohne Aufenthalt weiter über Rullstorf - das Haus der Feuerwehr heißt hier Sprittenhues - und leicht bergauf nach Boltersen, danach bergab Richtung Neetze, die letzten Meter entlang der L 221 ohne Radweg!

Bergab rollt es ja bekanntlich besonders gut und ich nähere mich den 40 km/h, als rechts an einem Parkplatz ein Hinweisschild auftaucht. Also "in die Eisen" und schauen, was es da zu sehen gibt. Es ist ein Buckelgräberfeld (unten rechts) mit etwa 300 Hügeln aus der Zeit des Römischen Reiches und der Völkerwanderungszeit. Die Hügel sind durch den Bewuchs für das ungeübte Auge leider nur schwer erkennbar.

Links das
Schiffshebewerk
bei Scharnebeck

Rechts
Buckelgräberfeld bei Boltersen

Von dem Wegestück hinter Neetze, auf einem ebenen und asphaltierten Radweg, schwärmt mein Tagebuch, so gut kann ich hier fahren. Zu meiner Rechten liegt das Bleckeder Moor, somit sind es nur noch 7 Kilometer bis zur Fähre bei Bleckede (unten). Auf die ich dann auch nicht lange warten musste.


Links die
Elbfähre bei Bleckede

Rechts
Dat Göpelhus
in Neu Garge


Nach der Elbequerung nach Neu Bleckede führt mein Weg auf einem neuen Radweg über den Elbdeich, vorbei an Stiepelse und nach 8 Kilometern erreiche ich bei Gegenwind um 18.15 Uhr mein Ziel in Neu Garge, Dat Göpelhus,
Zur Alten Schmiede 3, Tel. 038841/21828.

Der Ort liegt in ländlicher Abgeschiedenheit am Elbdeich im ehemaligen DDR-Grenzgebiet. Meine Unterkunft hat weder Radio noch Fernseher und telefonieren mit dem Handy geht auch nicht - keine Verbindung möglich. Aber die Forelle, die mir der Chef Michael Schulz mit einem großen Salatteller serviert, schmeckt köstlich. Und nach einem kleinen Rundgang - viel hat der Ort nicht zu bieten - ziehe ich mich mit einem Buch in mein Bett zurück.

Meine heutige Tagesbilanz

Gefahren 44 km Fahrzeit 3:00 Std. Durchschnitt 15 km/h Max 41 km/h Gesamt 44 km

Montag, 06.September

Auch das Frühstück wurde mir nach einer guten Nacht wieder im Zimmer serviert, liebevoll arrangiert und so reichlich, dass ich - trotz "Pausenbrot" - viel stehen lassen musste. Ich kann wirklich nur ein großes Lob an Herrn Schulz aussprechen - und das Alles für 50,- €. Die allerding nur in bar.

Um Viertelneun - also um viertel nach 8 Uhr - fahre ich los, oben auf dem Elbdeich. Mein Blick geht weit über die Elbauen, die Elbe führt noch Hochwasser und die Ausblicke sind geradezu atemberaubend. Dazu der blaue Himmel mit den Wolken - ich könnte ins Schwärmen geraten.

Dann wieder die Realität - ein ehemaliger DDR - Wachtturm, von dem aus die "Staatsgrenze West" beobachtet wurde (links). Und wenig weiter hat man Stück des originalen Grenzzaunes stehen lassen (unten links). Dazu ein Warnschild, welches wohl darauf hinweisen sollte, dass hier "scharf geschossen" wurde!

Ein Findlingsstein gedenkt "Der Opfer der Unmenschlichkeit"

Ich geniesse weiterhin die Fahrt in der Morgensonne auf dem Deich, zwischendurch mal ein Stück auf einem ehemaligen Grenzstreifen (oben rechts). In Konau verlasse ich den Radweg kurz, um zu einer "Gedenkstätte für Zwangsaussiedlungen" aus dem Sperrgebiet zu kommen, finde diese aber nicht. Also zurück zum Deich und gegen 9.20 Uhr erreiche ich die Fähre bei Darchau, hier habe ich bei meiner ersten Elberadtour 2007 übergesetzt. Die damalige "Folterstrecke" gibt es nicht mehr, dafür einen Waldweg (unten rechts), der mich aber auch ganz schön durchschüttelt.

So radle ich munter drauflos, vorbei an Pommau, Privelack und Bitter und erreiche Hitzacker um 10.20 Uhr. Hier treffe ich auf drei radelnde Damen, die von Lübeck kommend - bisher nur Berge, Berge, Berge - jetzt Richtung Lauenburg - Hamburg unterwegs sind - also auch noch ein schönes Wegestück vor sich haben.

Links
Blick nach Dömitz

Rechts

Waldweg hinter Dömitz

Ein Schild informiert, dass es bis Ludwigslust noch 35 Strassenkilometer sind, was auch in etwa meiner Strecke entsprechen dürfte. Bei leichtem Gegenwind erreiche ich die Festungsstadt Dömitz kurz nach 12.00 Uhr und mache hier eine kleine Pause. Vorher wollte ich mir die Festung ansehen, wurde aber von einer sehr unfreundlichen Dame gehindert. Es sei denn, ich hätte Eintritt bezahlt, was ich aber für 1 - 2 Fotos für übertrieben hielt.

So sei nur erwähnt, daß der Dichter Fritz Reuter hier die letzte Zeit seiner Festungshaft zwischen 1838 bis 1840 verbüßte. Er beschrieb diese in seinem Buch Ut mine Festungstid („Aus meiner Festungszeit“). Rechts ist der Eingang zur Festung zu sehen.

Nach der Rast und einer Stärkung mit einem "Pausenbrot" entscheide ich mich, hinter Dömitz bei Klein Schmölen an einer Wanderdüne vorbeizufahren. Aber ich warne Neugierige und besonders Radler, die unsicher sind oder einen Kinderanhänger führen - der Weg ist sehr sandig und dadurch extrem schwer zu fahren. Also lieber auf der Landstrasse von Klein Schmölen nach Groß Schmölen fahren!!

Solche Wanderdünen (links) sind zwar - zumal im Binnenland - als Zeugen der letzten Eiszeit sehr interessant. Diese hier ist zwar nur etwa 600 Meter breit, aber der Sandweg, der auf meinem Foto gar nicht so schlimm aussieht, verlangt dir viel Kraft und Geschicklichkeit ab.

Bevor man dann bei Groß Schmölen wieder auf die Strasse stößt, ist auch noch ein sandiges und steiles Stück Waldweg zu bezwingen. Dann geht es aber bis Alt Kaliß an einer Landstrasse mit nur wenig Autoverkehr schnurgerade nach Norden.

Jetzt folgen 6 Kilometer auf einem Radweg entlang einer Autostrasse, bis zur Linken das Fritz - Reuter - Denkmal am Wegesrand auftaucht (rechts). Und natürlich fotografiert wird. Dass ich anschließend durch Kamerun fahre bedeutet nicht, daß ich mich verfahren habe - so heißt hier eine kleine Siedlung. Von der aus es unspektakulär die letzten 25 Kilomter nach LULU - so nennen die Einheimischen ihr Ludwigslust - geht. Lediglich das Stück Strasse zwischen Bresegard und Glaisin vermerkt mein Tagebuch als "katastrophal weil Feldsteinpflaster".

Auf dem letzten Wegestück quere ich mehr-mals die

Müritz-Elde-Wasserstrasse

auf der auch einige Boote unterwegs sind (links).

Schon um 16.00 Uhr erreiche ich Ludwigslust, mein Weg führt mich direkt an der Stadtkirche vorbei (rechts), die 1765-70 im barock - klassizistischen Stil errichtet wurde. Ihre Vorhalle wird von sechs dorischen Säulen getragen, was ihr ein tempelartiges Aussehen gibt.

Neben den mächtigen Säulen fällt von weitem das Christogramm auf - die zwei griechischen Buchstaben des Namens Christi: Chi und Rho. Die Attika der Kirche wird geschmückt von vier überlebensgroßen Evangelistenstatuen.

Die Häuser an der Kirche erinnern mich an einen Beginen - Hof (links), waren aber wohl seinerzeit für die Schloßbediensteten bestimmt.

Eine direkte Sichtachse gibt den Blick frei von der Kirche zur eigentlichen Ludwigsluster Sehenswürdigkeit - dem Residenz - Schloss (rechts). Kurz nach dem Bau der Stadtkirche wurde es von 1772-76 für die mecklenburgischen Herzöge erbaut.

Durch die Schloss-strasse gelange ich zum Alexandrinenplatz mit der Skulptur, die dem Platz seinen Namen gegeben hat - die

"Reitende Alexandrine"
(1803-92)

Sie war die Tochter der legendären Königin Luise und König Friedrich Wilhelm III. und Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin.

Ich checke in meinem Hotel, dem Landhaus Knötel, Kanalstr. 19, Tel. 03874/22015 ein, wo mein Zimmer zu moderaten 46.50 € und anschliessend ein leckeres Abendessen auf mich warten. Hotel, Service und Küche sind durchaus zu empfehlen (links). Nur der Fahrradkeller war über eine sehr steile Treppe etwas schwierig zu erreichen!

Und weil morgen früh niemand da ist, der den Kreditkarten-Terminal bedienen kann, zahle ich schon mal heute abend. Erfahre dann beim Fernsehen, dass sich das Wetter spätestens Übermorgen deutlich verschlechtern soll!

Meine heutige Tagesbilanz

Gefahren 89 km Fahrzeit 5:52 Std. Durchschnitt 16 km/h Max 50 km/h Gesamt 133 km

Dienstag, 07.September

Als ich um 8.30 Uhr bei noch gutem Wetter - es ist wohl etwas frisch, aber ich brauche den ganzen Tag keine lange Hose - am Ludwigsluster-Kanal (rechts) losfahre, sieht die Route zunächst ganz klar aus. Nur stellt sich mir eine Bahnlinie in den Weg, über die keine Rampe oder Brücke führt, wie mein bikeline auf Seite 35 meint. Also kurz überlegen und ich finde tatsächlich eine Brücke mit starkem Autoverkehr, aber auch mit Radweg und komme so doch noch auf der Neustädter Strasse aus Ludwigslust heraus.

Erst durch ein Industriegebiet, dann schnurgerade an der B 191 entlang nach Nordosten. Zwischen meinem Weg und der lauten Strasse stehen einige Kiefern, ich genieße deren Harzgeruch und empfinde so den Autolärm kaum. Nach 3 Kilometern biege ich sowieso scharf rechts ab, über eine Bahnlinie nach Groß Laasch hinein und erreiche nach weiteren 7 Kilometern über Klein Laasch schon um 8.45 Uhr den Ort Neustadt-Glewe.

Bevor ich die A 24 quere, führt ein separater Radweg durch ein Waldgebiet und zwar wie bei einer Slalomstrecke, was meine volle Aufmerksamkeit fordert. Diese Streckenführung hat aber den großen Vorteil, dass man keine Bäume fällen musste - ich fand das gut.

Hinter Klein Laasch quere ich den Elde-Kanal (links) über eine separate Radfahrerbrücke, später dann weitere dreimal, bis ich nach rund 18 Kilometern Garwitz-Matzlow erreiche. Von den Neuhofer- und Friedrichsmoorer Karpfenteichen, die mein bikeline erwähnt, sehe ich nichts. Der Duft von frischgemähtem Gras "erfreut meine Nase" - meint mein Tagebuch hier. Ansonsten hat die Landschaft nicht allzuviel zu bieten und so sind die Skipper, die vom Kanal aus von ihren Booten freundlich herüberwinken und grüßen, eine willkommene Abwechslung.

Links
Der Eldekanal

Rechts
Radweg am Kanal

Hinter Garwitz-Matzlow führt die Route über 5 Kilometer unbefestigt am Kanal entlang (rechts). Am gegenüberliegenden Ufer herrscht lebhaftes Treiben auf einem Zeltplatz und immer wieder gleitet ein Motor- oder Segelboot unter Maschine fast lautlos auf dem Kanal entlang. Es herrscht jetzt eine absolute Stille, denn es geht durch ein Waldgebiet und ist angenehm zu fahren.

Nachdem der Himmel heute morgen bedeckt war, kommt jetzt wieder das Blau hervor und es weht ein fast lauer Wind - wenn auch leicht gegen mich. Gegen 11.00 Uhr erreiche ich Parchim, fahre in die Stadt hinein, am Rathaus (links) vorbei zur St. Georgen Kirche (unten).

Links
Parchim / Rathaus

Rechts / Links
St. Georgen Kirche


Die Stadt Parchim wird erstmals 1170 urkundlich erwähnt. Mit den Kirchen St. Georgen und St. Marien besitzt die Stadt zwei Hallenkirchen, die der Backsteingotik zuzuordnen sind.

Bekanntester Sohn der Stadt war der preußische Generalfeldmarschall Graf von Moltke (1800-91), genannt "der große Schweiger", der in drei Kriegen 1864, 1866 und 1870-71 siegreich war.

Ich hoffe auch, siegreich zu sein und zwar gegen den Wind, der in den letzten Stunden merklich stärker geworden ist - natürlich gegen mich. Mir fällt auf, dass sich die Landschaft gegenüber gestern verändert hat. Dominierten gestern diese riesengroßen Felder (oben), die abgeerntet eher noch größer wirkten, sehe ich heute mehr Weiden mit grasenden Pferden oder Kühen (rechts). Und Hochsitze, an jedem Wald- oder Wiesenrand steht so einer und nicht erst seit gestern. Jagen scheint in der DDR angesagt gewesen zu sein.

Ab und zu ist dann doch mal ein Feld mit diesen malerischen Strohballen zu sehen (links) und als ich nach Lanken komme hoffe ich, mich nicht verfahren zu haben. Steht da doch tatsächlich ein Wegweiser nach Rom. Ist aber nicht das mit den sieben Hügeln, denn die Bierstadt Lübz ist nur noch 3 Kilometer entfernt.

Die heißt mich nicht nur mit diesem Plakat "Herzlich Willkommen", sondern auch mit dem für Brauereien so typischen Maischegeruch. Aber leider fehlen wieder einmal die Hinweisschilder und so brauche ich viel Zeit, um wieder auf meinen Radweg zurückzufinden.


Lübz ist vor allem durch die Mecklenburgische Brauerei Lübz bekannt, in der das überregional verbreitete Lübzer Pils hergestellt wird.

Zu den 4 Kilometern von Lübz nach Benzin schreibt mein bikeline: "Auf der Allee leicht bergauf hinaus aus Lübz - es werden 63,4 Höhenmeter erreicht, danach bergab...". Das hört sich eigentlich nicht so schlimm an, wie es aber in Wirklichkeit ist - echt schweißtreibend ist sie, diese Steigung. Dazu ohne Radweg an der Autostrasse und bei mindestens 5 Windstärken Gegenwind. Da empfinde ich das "danach bergab" nur gerecht.

Die letzten Kilometer nach Plau am See sind dann wieder eben. Mir fällt auf, dass hier fast alle Kastanienbäume braune Blätter haben, was aber nicht von dem beginnenden Herbst kommt, sondern das Werk eines Schädlings ist - der Rosskastanien-Miniermotte (rechts). Die hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast flächendeckend über Europa ausgebreitet.

Um 16.00 Uhr erreiche ich - ziemlich groggy - Plau am See. Der Gegenwind hat mir ganz schön zu schaffen gemacht. Da bin ich nicht besonders froh, dass ich in meinem Hotel Marianne, Quetziner Strasse 77, Tel. 08735/8230 wieder mal in den 2. Stock muss, um in eine bessere Abstellkammer, Verzeihung - mein Zimmer zu gelangen. Dabei stinkt es im ersten Zimmer nach Jauche, im Ersatzzimmer liegt zwar eine Minibarpreisliste, es gibt aber keine solche. Mit 49,- € ist das Zimmer zu teuer und die Bedienung am Abend war auch nicht ein Ausbund an Freundlichkeit.

Meine heutige Tagesbilanz

Gefahren 88 km Fahrzeit 6:20 Std. Durchschnitt 14 km/h Max 36 km/h Gesamt 221 km

Mittwoch, 08.September

Die schlechte Nacht verdankte ich mal wieder einem Federkopfkissen, das bedeutete "Nase zu" und jede Stunde aufwachen. Das Fühstück war auch nicht berauschend, deshalb halte ich mich nicht lange damit auf und fahre schon um 8.15 Uhr bei heftigem Wind los Richtung Waren.

Vorher ein paar Worte zur Stadt Plau am See, die sich selbst "Die Perle der Mecklenburgischen Seenplatte" nennt. Die Stadt, die dem See ihren Namen gab, ist Eingangstor zur Mecklenburgischen Seenplatte, dem größten zusammenhängenden Seengebiet Deutschlands.

Bereits im Jahre 1235 wurde die alte Fischer- und Flößerstadt erstmals urkundlich erwähnt, und auch heute zeugen noch zahlreiche Bauwerke von der wechselvollen Geschichte und langen Tradition des Ortes.

Ein Wahrzeichen ist die 1916 errichtete Hubbrücke (oben), die um cá. 1.60 Meter emporgehoben werden kann, wenn größere Schiffe zur Schleuse oder zum See wollen.

Aber was ist eigentlich diese Mecklenburgische Seenplatte - dazu ein paar Informationen:

Die Mecklenburgische Seenplatte
  • Im Verlauf der Weichsel-Kaltzeit vor ca. 12.000 Jahren entstanden, ist sie das "größte zusammenhängende Seengebiet Deutschlands"
  • Neben der Masurischen Seenplatte und der Pommerschen Seenplatte gehört sie zu den drei großen Seengebieten südlich der Ostsee.
  • Hier findet man nicht nur den größten deutschen Binnensee, die Müritz, sondern auch die Strelitzer Kleinseenplatte, die Feldberger Seenlandschaft, den Tollensesee, den Kölpin- und Fleesensee, den Plauer See und die Seenlandschaft Goldberg-Sternberg.
  • Die Seenplatte war bereits um 10.000 v. Chr. von Jägern und Fischern besiedelt. Ab 4.000 v. Chr. entwickelten sich erste bäuerliche Kulturen, die große Steingräber hinterließen.
  • Im 4. und 5. Jahrhundert wanderten die dort siedelnden germanischen Stämme nach Süden und wurden ab dem 7. Jahrhundert durch nachrückende elbslawische Stämme ersetzt, die sich mit der zurückgebliebenen Restbevölkerung vermischten. Seit dem 12. Jahrhundert nahm der Einfluss deutscher Siedler in der Region zu.
  • Wichtige Orte sind Neustrelitz, Waren (Müritz), Röbel, Malchow und Plau am See.

Zurück zur Tour - als ich am Anleger der Fährschiffe stehe, überlege ich allen Ernstes, ob ich nicht mit einem Schiff nach Waren fahren soll. Das Wetter macht nämlich keinen guten Eindruck und der Wind bläst schon früh am Morgen heftig (links). Aber der sportliche Ehrgeiz siegt, ich setze meine Fahrt mit dem Rad fort.

Das lässt sich auch alles ganz gut an, auf einem Radweg entlang der Hauptstrasse, dann links ab Richtung Plötzenhöhe. Quer über einen Campingplatz und an einem Klinikum mit dem schönen Namen "Silbermühle" vorbei - Vorsicht, die Therapie der Patienten besteht scheinbar hauptsächlich aus Nordic - Walking und Wandern, soviele Menschen sind hier und heute unterwegs - aber dann fängt ein Waldweg an, der lt. bikeline "eher für Wanderer geeignet scheint, dafür aber sehr idyllisch verläuft".

Wie wahr das ist, "erfahre" ich im Wortsinn auf den nächsten 7 Kilometern. Vom Regen aufgeweicht, von der Holzabfuhr aufgewühlt, voller freiliegender Baumwurzeln, die nur eins im Sinn zu haben scheinen: Fallen soll er, fallen.... Dazu ein stetes auf und ab des Geländes - also, für einen Blick zum See ist da wirklich keine Gelegenheit, obwohl dieser immer in Sichtweite liegt.

Unter dem frischen Eindruck dieses Erlebnisses vermerkt mein Tagebuch, dass ich von Idylle nichts gemerkt habe. Ich mache mir eher Gedanken, wie hier unsichere Radler oder Kinder oder Anhänger-gespanne fahren sollen. Wenn es dann noch längere Zeit geregnet hat...! Wer dann den Ort Bad Stuer - eine "Wasserheilanstalt" - erreicht hat, kann sich glücklich schätzen.

So eine Walddurchfahrt hat aber trotzdem einen Vorteil - ich merke den Wind nicht, der mir heute weiter kräftig entgegenbläst. Obwohl das Wetter nicht unfreundlich ist, so mein Tagebuch. Und "freundlich" ist auch das nächste Wegestück über Stuer-Vorwerk nach Rogeez. Wo ich ein Hügelgrab aus der älteren Bronzezeit - also etwa 1800 - 1200 v. Chr. - entdecke (rechts).

Auf dem Schild links steht:

Schlechte Wegstrecke


rechts:
Und so sah die dann aus...

Unter einer Chausee verstehe ich eigentlich eine gut ausgebaute Strasse. Was mich dann aber auf der Chauseestrasse zwischen Rogeez und Käselin / Fincken erwartete, war nochmal eine Steigerung in negativer Hinsicht. Das Bild rechts gibt den Zustand des Weges nur unzureichend wieder. Hier mit Gepäck zu fahren, war eine Zumutung - dabei ist das sogar ein Stück eines Europa-Radweges.

Durch die beiden schlechten Wegestücke bisher liegt mein gefahrener Schnitt auch nur bei 11 km/h.

Für diese Hütte muss Walter Ulbricht noch persönlich die Baugenehmigung erteilt haben...(links). Im Hintergrund erkennt man die einzige in Mecklenburg-Vorpommern existierende Rundscheune; sie stammt aus dem 18. Jahrhundert

Ab Fincken ist der Weg dann besser, man fährt nämlich auf einer Landstrasse, wenn auch ohne Radweg, aber auch nur mit wenig Verkehr. Nach Bütow erwartet mich ein kurzer Anstieg, in Dambeck muss ich an einer Ampel einige Meter links abbiegen, entlang einer Hauptstrasse. Dann aber sofort wieder rechts ab Richtung Minzow. Hier treffe ich auf ein Ehepaar aus Menslage im Oldenburger Land, wir treffen uns heute und auch morgen noch einige Male. Sie wollen die gleiche Tour wie ich fahren, werden später aber wegen des Regens ihre Fahrt unterbrechen.

Etwa 2 Kilometer hinter Minzow findet man an der Strasse nach Röbel eine Sehenswürdigkeit, die sog. Kroneiche (rechts). Bei dieser Eiche handelt es sich um einen mächtigen Baum im Röbeler Gebiet mit einem Umfang von 9,80 m und einer Höhe von 25 m. Ihr Alter wird auf 200 - 400 Jahre geschätzt - ein echtes Naturdenkmal!

Vom Standort dieser Eiche verläuft die normale Route links ab durch ein Waldgebiet, ich entscheide mich aber dafür, weiter der Landstrasse bis Röbel zu folgen. Von unbefestigten Waldwegen habe ich erst einmal die Nase voll!

Aber so fahre ich von Südosten nach Röbel hinein und komme am Eisenbahnmuseum vorbei, wo mir diese russische Lok (?) auffällt (rechts).

.

Links
Röbel / Nicolaikirche

Rechts
Alte Lok im Eisenbahn
Museum


Ich erreiche Röbel um die Mittagszeit, radle an schönen Fachwerkhäusern vorbei Richtung Zentrum. Und an der Nicolaikirche (oben links) steigt mir appetittlicher Bratwurstduft in die Nase. Mitten in Mecklenburg-Vorpommern wird doch tatsächlich Thüringer Bratwurst angeboten - kann ich da widerstehen? Natürlich nicht und eine passende Bank lädt mich zum sitzen ein und ich lasse es mir schmecken.

Nach dieser erholsamen Pause halte ich noch kurz an der Marienkirche mit ihrem auffälligen Eingangsportal (rechts) und fahre dann weiter an zur Uferpromenade. Röbel liegt etwa in der Mitte am westlichen Ufer des Müritzsees, an der sog. Binnenmüritz und der kleine Hafen vermittelt ein wenig maritimes Flair (links). Und jede Menge Fischbrötchen...

Links
Röbel / Am Hafen

Rechts
Röbel / Marienkirche

Jetzt geht es genau nach Norden, die letzten 30 Kilomter bis Waren warten. Nach dem Hafen verläuft erst ein Betonplattenweg, dann folge ich neben den bekannten Schildern des Seen-Radweges auch denen des Müritz-Rundweges über einen Feldweg mit Wiesenstreifen. Diese Wege erfordern immer volle Aufmerksamkeit, damit man nicht vom befestigten Streifen abkommt und "in der Wiese landet". Zwischendurch kann ich einen Blick auf den See werfen und dabei seine Größe erahnen.

Ab der Schamper Mühle folge ich nicht dem Radweg, sondern fahre die Alternativstrecke über die L 24 an Zierzow vorbei zur B 192. An beiden Strassen verläuft ein Radweg und hier fahre ich sicher besser, als unbefestigt am See entlang. Den sehe ich dann ab Sembzin wieder.

Jetzt kommt Schloss Klink zur Linken in Sicht (unten) und ein letzter Wegweiser zeigt mir an, dass es bis Waren nur noch 5,5 Kilomter sind.


Links
Schloss Klink

Rechts
Nach Waren 5,5 Km

Um 16.00 Uhr checke ich im Hotel Stadt Waren, Große Burgstr. 25, Tel. 03991/62080 ein. Der Zimmerpreis von 55,- €, plus 5,- € für das Frühstück war i.O., zumal auch eine Minibar für kühle Getränke sorgte.

Jetzt schnell mein Rad in eine Werkstatt gebracht, die Schaltung macht mal wieder Schwierigkeiten und dann ab zum Stadtbummel und zum Abendessen.

Vom Hotel über den Markt (links) gelangt man bergab gehend zum Hafen mit vielen Restaurants und natürlich auch Schiffen aller Grössen. Das Wetter hat sich schon, wie vorhergesagt, verschlechtert, erste Regentropfen fallen. So suche ich mir schnell eine "Essgelegenheit" und finde eine kleine Imbißstube, wo man mir einen köstlichen (und preiswerten) Matjes mit Bratkartoffeln serviert - sehr zu empfehlen!


Waren liegt an dem mit einer Fläche von 117 km² größten - vollständig in Deutschland liegenden - Binnensee, der Müritz. Ist aber noch von einer ganzen Reihe andere Seen umgeben und zwar dem Kölpinsee, dem Tiefwarensee, dem Feisnecksee, dem Melzer See und dem Waupacksee; mitten in der Stadt liegt ausserdem noch der Herrensee.

Bei soviel Wasser ringsherum fällt der Regen kaum auf, er wird mich morgen aber den ganzen Tag begleiten.

Meine heutige Tagesbilanz

Gefahren 76 km Fahrzeit 6:03 Std. Durchschnitt 13 km/h Max 39 km/h Gesamt 297 km

Donnerstag, 09.September

Heute heißt es also im Regen fahren, ich ziehe deshalb das Regeneqipment gleich am Morgen an. Kann aber erst gegen 10.00 Uhr starten, weil die Reparatur solange dauert. Da neben Kette und hinteren Zahnkränzen auch noch neue Griffe fällig werden, kostet der Spaß fast 200,- €. Jetzt ist mein Rad aber wieder in Ordnung und es ist ja egal, wo ich diese Kosten bezahle - hier oder in Unna.

Am Hafen vorbei führt meine Route nach Süden aus der Stadt hinaus, erst durch den Warener Staatsforst Tannen, später durch ein Moorgebiet, teils asphaltiert, teils unbefestigt. Aber trotz des Regens kann ich gut fahren.

Rechts ist mal mein Rad mit Regenhaube, links bin ich - mit Selbstauslöser fotografiert - zu sehen. Bei Regen zu fahren, ist eigentlich garnicht so schlimm, wie man meinen könnte. Zum einen halten die Regensachen dich selbst trocken und das Gepäck ist auch geschützt. Und wenn es durch Waldgebiet geht, merkst Du den Regen noch weniger. Da kommt der Segen mehr von den Bäumen, als vom Himmel.

Einmal gibt es eine Unsicherheit und zwar bei dem Nationalparkhotel Kranichrast in Schwarzenhof. Hier muss ich scharf rechts abbiegen, sehe aber kein Schild. Fahre geradeaus weiter, bemerke den Fehler zum Glück schnell und kehre um. Erst beim näheren Hinschauen entdecke ich solche Holz-Hinweise und finde meine Route (unten). Ist nicht so toll!

Hier bin ich jetzt voll im 1990 gegründeten Müritz Nationalpark, was nicht zuletzt an den verschiedenen Beobachtungstürmen zu erkennen ist. Von hier aus kann man die Natur und die Vogelwelt - unter anderem viele See- und Fischadler - beobachten.

Die 9 Kilomter durch den Wald bis Boek sind schnell abgespult, das Gut wir fotografiert (unten) und weiter geht es auf einem gut zu fahrenden Radweg entlang der K 3 über Boeker Mühle und Bolter Schleuse nach Rechlin.

Wie ich so auf dem Radweg dahinfahre, fallen mir am gegenüber liegenden Waldrand Schilder auf, die in regelmässigen Abständen zu sehen sind.

Da halte ich doch mal an und zoome mir so ein Schild heran - die Aufschrift spricht für sich und die DDR lässt grüßen. "Altlasten" nennt man so etwas wohl...

Da finde ich solch eine "Altlast", wie man sie am 8.8.2000 aus dem Claassee geborgen hat, wesentlich sympathischer (unten links). Es handelt sich um das Wrack eines alten Lastkahns mit einem Gewicht von 32 Tonnen, das als technisches Denkmal rekonstruiert wurde. Und auch dieses alte Fluggerät - ich glaube, es ist eine russische MIG - ist als Altlast schöner und im "Luftfahrttechnischen Museum" in Rechlin zu sehen (unten rechts).

In Rechlin gibt es ab 1918 eine "Flieger-Versuchs- und Lehranstalt am Müritzsee" und diese Anlagen werden in den folgenden Jahrzehnten erst von der Wehrmacht, später von der NVA und sowjetischen Truppen weiter genutzt. Seit dem Sommer 1998 ist die Ausstellung in den historischen Gebäuden der Erprobungsstelle eröffnet worden.

Vor mir liegen jetzt noch etwa 40 Kilometer bis Wesenberg und der Regen rauscht unentwegt hernieder. In Mirow treffe ich das Paar aus Menslage ein letztes Mal, die beiden kapitulieren vor dem Regen und werden hier übernachten.

Ab Mirow erwartet mich erst ein recht gut zu fahrendes Wegestück mit Radweg an der Strasse bis Peetsch. Später folgt aber wieder ein sehr schlechtes Wegestück, von dem mein Tagebuch vermerkt "eine schlecht asphaltierte Strasse, deren Belag später sogar in die von mir nicht sonderlich beliebten Feldsteine übergeht". Über Peetsch fahrend erreiche ich die Fleether Mühle, 1802 als Getreide- und Sägemühle erbaut, 2001 abgebrannt und nur noch erhalten, weil denkmalgeschützt.

Ich komme an der Diemitzer Schleuse vorbei (oben), hier werden gerade einige Yachten und ein einsamer Paddler "geschleust", der in seinen Regensachen etwas unglücklich aussieht. Aber auch bei mir wird es nicht viel besser aussehen, allmählich schafft mich das Wetter. Und Wesenberg ist noch 12 Kilometer entfernt (rechts), es nützt also nichts, ich muss weiter strampeln.

Diese letzten Tageskilometer heute "haben es nochmal in sich". Ab Canow und besonders ab Seewalde über Neu Drosedow führt der Weg durch einen Wald und hier fährt man über diese freiliegenden Baumwurzeln. Was heute bei dem Regen und dem aufgeweichten Boden besonders anstrengend ist - mein Rad rutscht immer wieder seitlich weg - etwas resignierend sagt mein Tagebuch: "Es ist einfach nicht schön..."

Aber dann plötzlich ein Schild: "Zur Johannesruh 800 Meter" - na prima, denke ich und biege rechts ab, asphaltiert, wunderbar. Aber dann muss ich mich die letzten etwa 600 Meter über einen vollkommen aufgeweichten Waldweg mit tiefen Fahrspuren quälen, bis ich das Hotel Johannesruh, Johannesruh 1, Tel. 039828/20226 tatsächlich erreiche.

Wo ich erstmal einen Eimer mit warmem Wasser und einen Lappen erbitte, um mein vollkommen verdrecktes Rad zu säubern. Der Sand des Tages knirscht zwischen Kette und Zahnkränzen, dass es schmerzt. Und mein Zimmer ist auch nicht vom Feinsten, kalt und ungemütlich (wie soll ich da meine Sachen trocknen?) und mit 35,- € ausreichend bezahlt. Wenigstens das Abendessen war o.k. - Hamburger Schnitzel zum Riesling.

Meine heutige Tagesbilanz

Gefahren 70 km Fahrzeit 4:50 Std. Durchschnitt 15 km/h Max 34 km/h Gesamt 367 km

Freitag, 10.September

Heute morgen muss ich meine Schuhe tatsächlich noch mit dem Föhn innen trocknen. Aber das Frühstück war o.k. und ich unterhalte mich mit einem Paar aus Heidelberg, das hier tatsächlich Urlaub macht - ich fasse es nicht, in dieser Einöde! Aber man kann wandern und Paddelboot fahren. Alleine in Wesenberg gibt es 7 Bootsverleiher!

Ich fahre zunächst die 6 Kilometer nach Wesenberg, über eine Landstrasse ohne Radweg, aber mit reichlich Autoverkehr. Im Ort suche ich den Fahrradshop Rehfeld und ein griesgrämiger, älterer Mann wirft seinen Kompressor an, um meine Zahnkränze und die Kette wenigstens oberflächlich mit Druckluft vom Sand des gestrigen Tages zu säubern. Von ihm erfahre ich, dass die Waldwege, die mich gestern so geärgert haben, nicht ausgebaut werden, weil das Gebiet auch zum Müritz Nationalpark gehört.

Aus Wesenberg raus zu finden, bedeutete wieder mal "nach Gefühl" zu fahren, denn es fehlten Hinweisschilder. Aber dann lag zur Linken dieser Badesee (oben), ich war also auf dem richtigen Weg. Der war frisch asphaltiert, später mit Verbundpflaster und so kam ich zügig voran über Zwenzow zur Useriner Mühle, die schon 1873 erbaut wurde, aber sei 1991 nicht mehr genutzt wird und jetzt dem Verfall preisgegeben ist.

In Groß Quassow halte ich, um mir die Reste eines Teerofens anzusehen, in dem bis zum Beginn des 19 Jahrhunderts noch die sog. Teerschwelerei betrieben wurde. Teerofenerzeugnisse, wie z. B. Schiffsteer, Wagenschmiere und aus Teer bestehende Holzschutzmittel waren damals wichtige Handelsartikel. Mit Teer mussten z.B die hölzernen Achsen der Fuhrwerke geschmiert werden. Reisende hatten für den Transport ein sogenanntes Schmiergeld zu entrichten. Aus dieser Zeit stammt auch das Sprichwort "Wer gut schmiert, der gut fährt".

Gegen 11.00 Uhr ist Neustrelitz erreicht, ein Bild mit Selbstauslöser vor der Edelstahl-Strelizie gelte als Beweis (links). Bei unserer Konzertreise in Juni waren wir auch hier und hatten damals erfahren, dass diese Blume zu Ehren der britischen Königin Charlotte, einer geborenen Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz und Gemahlin Königs Georg III. ihren Namen erhielt.

Am Hafen vorbei, über den Marktplatz mit der Stadtkirche (rechts) fahre ich. Vor dem Rathaus wirbt ein Plakat für die Operette "Königin Luise", die wir im Juni in einer wunderschönen Aufführung geniessen konnten. Ich besuche noch kurz das Theater mit dem Schillerspruch im Giebel (unten) und dann geht es erst gen Süden, später nach Norden Richtung Neubrandenburg, meinem heutigen Ziel.

Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben. Bewahret sie, sie sinkt mit Euch, mit Euch wird sie sich heben.


Zum Teil auf einem Radweg entlang der B 96, zum Teil durch Wald, führt die Route über Strelitz Alt Richtung Fürstensee. Hier erreicht mich Christels Anruf und die Information, dass der Notar einen Vorvertrags-Entwurf geschickt hat, genau, was wir wollten. Beruhigend!

Diese beiden Pilze sind zwar nicht genieß-bar, ich muss aber jetzt mal erwähnen, dass ich unterwegs Scharen von Pilzsammlern gesehen habe.

Ab Wokuhl - hier esse ich mein Pausenbrot - ändert sich die Fahrtrichtung, jetzt geht es nach Norden über Carpin nach Blankensee. Hier merke ich die Eiszeit, die diese schönen Seen, aber auch viele Endmoränen hinterlassen hat. Die Seen bieten herrliche Ausblicke, die nur durch den in die Augen rinnenden Schweiß (von wegen der Steigungen) eingeschränkt werden. Und ab Wutschendorf kommt doch tatsächlich die Sonne durch.


Die Seiten 27 bis 29 im bikeline haben wohl die meisten schwarzen Winkel und hier geht es in der Tat lustig rauf und runter. Was mich ganz schön schlaucht und als ich rechts in der Ferne den Tollensesee in der Landschaft erkenne (oben rechts) weiß ich, das Neubrandenburg nicht mehr weit ist. Vorher fordern aber ein gekiestes Wegestück hinter Zippelow und eine heftige Steigung nach Siehdichum nochmal meine letzten Kraftreserven.

In Prillwitz eine Unsicherheit, weil es zwei Hinweisschilder nach Neubrandenburg gibt - geradeaus oder rechts ab, beide Strecken gleich lang. Ich zögere und da sprechen mich zwei ältere Damen an, die des Weges kommen. "Fahren Sie geradeaus, da kommen sie durch Alt Rehse und der Ort ist sehenswert". bikeline ist der gleichen Meinung und so "sehe ich mich nicht um", sondern fahre geradeaus weiter.

In Alt Rehse gibt es 22 reetgedeckte Fachwerkhäuser - ein wirklich malerisches Ensemble - eine alte Feldsteinkirche (rechts) und einen der beliebten Hinweis-Schilderwälder.

Hinter Alt Rehse gibt es nochmal eine kleine Unsicherheit wegen der Route, aber dann rausche ich eine lange Abfahrt hinunter und die restlichen 10 Kilometer zum Hotel Seeperle, Seestr. 21, Tel. 0395/5442060. Und das taucht um 17.00 Uhr plötzlich direkt an meinem Weg auf (unten rechts), also nicht lange suchen, sondern sofort einchecken und ab unter die Dusche. Das Lachsfilet zum Abendessen schmeckte sehr gut und geschlafen habe ich ebenso.


Meine heutige Tagesbilanz

Gefahren 92 km Fahrzeit 6:00 Std. Durchschnitt 16 km/h Max 42 km/h Gesamt 459 km

Samstag, 11.September

Heute morgen serviert mir der Wirt ein reichhaltiges Frühstück auf einem Holzbrett, also mal kein Buffet. Es war mir unmöglich, alles zu essen - trotz "Pausenbrot", das ich mir auf Drängen des Wirtes mitnehmen "musste". Die Regensachen verschwinden wieder ganz unten in den Packtaschen, denn heute wird es warm werden.

Danach habe ich mir die Stadt und hier besonders die gut erhaltenen Stadtore angesehen. Die prächtigen Stadttore aus Backstein, die Neubrandenburg seinen Beinamen "Stadt der vier Tore" verleihen, sind "beeindruckende Zeugnisse gotischer Baukunst und Bestandteil der am vollständigsten erhaltenen mittelalterlichen Stadtbefestigung Norddeutschlands". (Bilder unten).




Nach der Satdtumrundung zu den Toren fahre ich am Friedländer Tor über eine große Kreuzung in die Woldegker Strasse Richtung "Ostsee" und Warlin.

Zunächst auf einem Radweg entlang der B 104, in Küssow biege ich links ab und dann folgen 7 Kilometer, die es wieder in sich haben. Ein Sandweg, der nach dem Regen der letzten Tage aufgeweicht ist, was kräftezehrendes Radfahren bedeutet. Aber nicht genug damit, er ist auch noch von großen Pfützen übersät (unten Links).

Was die weitere Strecke betrifft, sollen die Bilder für sich sprechen. Hier bietet die Tour alles, was das Radlerherz nicht braucht, Feldsteinpflaster und Feldwege der übelsten Sorte.




Der Seeperlen-Wirt hatte mir heute morgen noch gesagt, dass ich wohl den landschaftlich schönsten Teil der Tour hinter mir habe. Und es stimmte, die Landschaft ist hier etwas eintönig und die schlechten Wegeverhältnisse tun ihr übriges. Da muss ich jetzt mal die wunderschöne Kirche zeigen, die ich in Gahlenbeck fotografiert habe (links).

Zwischen Galenbeck und Rohrkrug folgt wieder ein schwer zu fahrendes Wegestück, unbefestigt und nur mit schmalen Fahrspuren (oben rechts). Ich kann kaum glauben, das es ein Teilstück des Europaradweges ist. Nach dieser erneuten Prüfung nehme ich von Gehren nach Neuensund die Landstrasse und "verkneife" mir das Steigungsstück über den Fuchsberg.

Auf dem sehr unebenen Waldweg (rechts) zwischen Rothemühl und Friedrichshagen - aber nicht nur hier - bin ich froh, mir noch vor dieser Fahrt eine gefederte Sattelstütze geleistet zu haben. Bis heute habe ich keinerlei Sitzbeschwerden, was sicher auch mit der von Siegfried empfohlenen Creme zu tun hat. Ist auf jeden Fall sehr angenehm, ohne solche schmerzenden Beschwerden zu fahren. Und Ueckermünde kommt näher, nur noch 19 Kilometer sind um 14.15 Uhr zu schaffen.

"Todesstrafe für
Kinderschänder"

- in Ferdinandshof gab es eine NPD - Demo mit dieser Laut-sprecherdurchsage

Punkt 16.00 Uhr checke ich im Hotel am Markt, Markt 3-4, Tel. 039771/800 ein, wo mein Zimmer mit 55.- € zu teuer ist - eine Dachkammer im zweiten Stock, aber wenigstens mit Fahrstuhl. Aber das Essen - Ostseezander mit Bratkartoffeln und Salat - war dann schmackhaft und preiswert.

Ich schlendere noch durch den Ort und erkunde die morgige Fährmöglichkeit nach Kamminke. Die Fähre geht zwar morgen erst gegen Mittag, aber so kann ich etwas relaxen und den sonntäglichen Betrieb am und im Hafen beobachten.

Meine heutige Tagesbilanz

Gefahren 81 km Fahrzeit 5:30 Std. Durchschnitt 15 km/h Max 38 km/h Gesamt 540 km

Sonntag, 12.September bis Dienstag 14. September

Der Rest der Tour ist schnell erzählt. Gegen 15.00 Uhr schippere ich mit der MS Chateaubriand in 1½ Stunden über das Stettiner Haff nach Kamminke auf Usedom. Von dort sind es nur 3 Kilometer bis zu meinem Hotel Idyll am Wolgastsee in Korswandt, Hauptstr. 9, Tel. 038378/22116.

Abends gibt es leckeren Brathering mit Bratkartoffeln und am nächsten Morgen regnet es in Strömen. Deshalb fahre ich nach Arenshop - wieder nur 5 Kilometer - steige dort in den Bäderexpress und bin um die Mittagszeit in Wolgast.

Im Hotel Petris Garten, Langestr. 1, Tel. 03836/237735 ist mein Zimmer bereit und nachdem ich mich "trocken gelegt" habe, schaue ich mir die Stadt an. Das Rathaus, die Petrikirche mit einem Totentanz-Zyklus, den Hafen und die vielen restaurierten Fachwerkhäuser - diese Stadt im äußersten Nordosten Deutschlands ist durchaus sehenswert.

Am Dienstagmorgen - es regnet wieder - fahre ich zum Bahnhof und dann geht es über Züssow und Weimar nach Hause, wo mich Christel und Christiane in Hamm erwarten.

Welches Resümee ziehe ich aus dieser Fahrt? Einmal, daß bikeline Recht hat mit der Aussage, es gibt "alle möglichen Bodenbeläge - einschl. Sandwege und Kopfsteinpflaster, auf denen man kräftig durchgerüttelt wird". Diese Aussage ist eher untertrieben. Ich meine, es sollte deutlicher darauf hingewiesen werden, daß einige Streckenabschnitte für unsichere Radler und besonders Anhängergespanne schlicht unpassierbar sind.

Ob die unendliche Weite dieses Landes wirklich beruhigend und erholsam auf meine Radlerseele gewirkt hat, muss die nächste Zeit zeigen.
Für den Moment bin ich froh, auch diese 548 Kilometer gesund geschafft zu haben.