Vilnius - Riga - Tallinn

- eine Reise ins Baltikum entlang der Bernsteinküste

Im Mai 2010

Autor: Klaus Donndorf
Viel zu spät begreifen viele
die versäumten Lebensziele:
Freude, Schönheit der Natur,
Gesundheit, Reisen und Kultur.
Darum Mensch, sei zeitig weise!
Höchste Zeit ist`s - reise, reise!

Dieses Gedicht von Wilhelm Busch scheint mir ein guter Einstieg in meinen Bericht über unsere Baltikumreise zu sein. Mit seinem unnachahmlichen Humor bringt der Dichter die Sache "auf den Punkt" - wenn wir für uns auch nicht der Meinung sind, bisher viele Lebensziele versäumt zu haben.

Als die Volksbank Unna diese Reise ankündigte, stand unser Entschluss, daran teilzunehmen, sofort fest. Aber nicht schnell genug, denn da nur maximal 25 Personen teilnehmen konnten, war das Kontingent schnell vergriffen. Doch es wurde ebenso schnell eine Lösung gefunden, indem ein zweiter Reisetermin festgelegt wurde und so kamen wir doch noch in den Genuss dieser 8-tägigen Reise.

Die uns mit dem Flieger von Paderborn nach Vilnius, Litauens Hauptstadt, mit dem Bus weiter über die Hafenstadt Klaipeda, die Kurische Nehrung, Lettlands Hauptstadt Riga nach Tallinn, der estnischen Hauptstadt im Norden des Baltikums bringen sollte. Das bedeutete zwar, 8 Tage "aus dem Koffer" leben zu müssen, denn wir blieben maximal 2 Nächte in den einzelnen Hotels und dazwischen lagen jeweils etwa 300 Kilometer Busfahrt - ich möchte deshalb nicht von Urlaub, sondern eher von einer Studienfahrt sprechen.

Der reibungslose Ablauf und damit der Erfolg einer Reise mit einer eher heterogenen Gruppe hängt in hohem Masse von der Organisation und der Reiseführung ab. Und hier gilt unser Lob und unser Dank zwei Damen - zum Einen Frau Melanie Dienst von der Volksbank Schwerte, die sich engagiert um alles organisatorische kümmerte und bei auftretenden Problemen "da war". Aber auch dafür Sorge trug, dass immer alle "Schäflein" im Bus sassen, bevor dieser losfuhr.

Zum Anderen müssen wir unserer Reiseführerin Ingrid Dank sagen für die vielen Informationen, die sie uns während der langen Busfahrten oder den Besichtigungstouren in den Städten gab. Uns erstaunte nicht nur ihr profundes Wissen, sondern auch die Art ihres Vortrages in perfektem Deutsch und mit einem rolllenden "R", wenn sie uns z.B. auf "hydrrrrrotechnische Anlagen" hinwies - worunter ganz einfach WC - Anlagen zu verstehen waren. Netter kann man so etwas nicht sagen!
Vorab in paar Informationen zum Baltikum:

  • Das Baltikum ist nicht nur ein geographisches, sondern auf Grund seiner sehr wechselvollen Geschichte auch ein historisches Gebiet in Nordosteuropa. Archäologische Funde weisen eine Besiedlung schon nach der letzten Eiszeit um 11000 v. Chr. nach. Ab etwa 2500 v. Chr. erfolgt eine Besiedlung durch Indoeuropäer, die sich mit der vorhandenen Bevölkerung vermischen. Daraus entstehen die Balten.
  • Im Mittelalter begann seit Anfang des 13. Jahrhunderts die Unterwerfung der baltischen Gebiete durch den Deutschen Orden und des seit 1237 mit ihm vereinigten Schwertbrüderorden. Kurland und Livland wurden bis 1260 unterworfen, bis um 1300 weitere Gebiete. Einzig Litauen und Schemaitien - Memelland - blieben unabhängig.
  • Innerhalb der Ordensherrschaft können sich die Handelsstädte weit reichende Freiheiten sichern und gelangen insbesondere im 15. Jahrhundert zu großem Reichtum, als sie als Mitglieder der Hanse den Ostseehandel dominieren. Die baltischen Hafenstädte wurden daher kulturell stark von Dänemark, Deutschland und Schweden beeinflusst und haben dieses Erbe bis heute in vielen Aspekten erhalten.
  • Die Herrschaft des Ordens über die Gebiete des heutigen Estlands, Lettlands endete erst Mitte des 16. Jahrhunderts im Livländischen Krieg;.
  • Im 18. Jahrhundert geriet das Baltikum mit den Polnischen Teilungen unter die Herrschaft des russischen Zarenreichs. Diese Herrschaft dauerte bis zum Ersten Weltkrieg.
  • Im Hitler-Stalin-Pakt wurde das Baltikum Russland zugeschlagen und im Laufe des Jahres 1940 marschierten russische Truppen in allen drei Ländern ein. Die Bevölkerung musste mehrere aufeinander folgende gewaltige Liquidations- und Deportationswellen durch die Sowjets, aber auch durch Hitlerdeutschland erdulden.
  • Am 23. August 1989 bilden zwei Millionen Menschen die »Baltische Kette«, eine Menschenkette über eine Länge von 600 Kilometern von Tallinn über Riga nach Vilnius, um für die Unabhängigkeit der baltischen Staaten zu demonstrieren. Insbesondere in Estland stellte die »Singende Revolution« einen starken Beitrag zur Unabhängigkeit dar.


  • Im Frühjahr 1990 erklärten die baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit.

Jetzt aber zur Reise, die für uns nach der Busfahrt von Unna am Paderborner Flughafen begann und deren erste Etappe nach einem ruhigen Flug in Vilnius - unten links das Flughafengebäude - erstmal für heute endete. Einchecken im Reval Hotel Lietuva (unten rechts), das 23 Stockwerke hatte - wir waren "nur" im 7 Stock untergebracht - Abendessen um 21.30 Uhr, etwas Geld im hoteleigenen Spielcasino wechseln und dann war es Zeit zum schlafen.


Um 7.00 Uhr Ortszeit - wir mussten unsere Uhren 1 Stunde vorstellen - erfolgt der "wake-up-call" per Telefon und pünktlich um 9.00 Uhr beginnt unsere Stadtrundfahrt mit dem Bus. Der Himmel ist bedeckt und später wird es auch etwas regnen, aber die Stimmung in der Gruppe ist gut. Und das wird auch während der ganzen Reise so bleiben! Ingrid ist da und noch eine örtliche Stadtführerin. Von ihr erfahren wir, dass der Name der Stadt Vilnius von dem Flüsschen Vilnia abgeleitet ist, das unweit des historischen Stadtkerns in die Neris mündet.

Erstes Ziel ist die Peter und Paul Kirche, eine der bedeutendsten Kirchen der Stadt. Sie ist im barocken Stil erbaut und beeindruckt insbesondere durch ihre meisterhaften Stuckarbeiten, die das gesamte Innere der Kirche ausfüllen. Erbaut wurde diese Kirche zwischen 1668 und 1704 von verschiedenen Baumeistern.

Auftraggeber der Kirche war Michal Kazimierz Pac, ein litauischer Heerführer, der sich mit seiner Stiftung ein Mausoleum schaffen wollte. Er starb noch vor Vollendung des Bauwerks im Jahre 1682 und wurde unter der Schwelle des Eingangs bestattet, damit alle Besucher der Kirche über ihn gehen mussten und er so für seine begangenen Sünden bestraft würde. Sein Grabstein ist heute an der rechten Seite des Eingangs angebracht und trägt die Inschrift: Hic iacet peccator - Hier liegt ein Sünder.


Die Kirche wurde im Wesentlichen in den Jahren 1668–1675 erbaut, erst durch einen polnischen, später durch einen italienischen Baumeister.

Die Ausschmückung des Kircheninneren erfolgte ab 1676 und die Kirche dann im Jahr 1704 fertig gestellt.

Interessant ist es, zu sehen, wie man sich damals z.B einen Elefanten vorstellte - den man ja noch nie "in Natura" gesehen hatte (oben rechts).

Auch die Figuren verschie-dener Gottheiten - links die Göttin der Schmiede (wegen der Zange wohl auch die der Zahnärzte ?) oder die Figur des Todes, vor dem alle Menschen - auch König oder Papst - gleich sind, beeindruckten uns.

Zunächst fahren wir mit dem Bus weiter in die Stadt und kommen durch einen Stadtteil mit vielen ausländischen Botschaften. Erfahren dabei, dass in den staatlichen Schulen russisch immer erste Fremdsprache war, während man englisch, französisch oder deutsch frei wählen konnte.

Nächstes Ziel war die St. Stanislaus - Kathedrale aus dem 18. Jahrhundert, die in Form eines griechischen Tempels mit einem von 6 dorischen Säulen getragenen Portikus erbaut wurde (links). Sie ist die römisch - katholische Kathedrale des Erzbistums Vilnius. Gewidmet ist die Kirche dem Heiligen Bischof Stanislaus von Krakau und dem Heiligen Ladislaus I., König von Ungarn. Der etwas seitlich frei stehende, leicht geneigte Glockenturm entstand durch Einbeziehung eines Wehrturmes des alten Gediminas-Palastes.

Die Kirche liegt am Fuße des Burghügels der Gediminasburg in der Altstadt von Vilnius und damit auf historischem Boden. Hier befand sich seit frühesten Zeiten eine Siedlungsstätte und so ist die Kirche aufs Engste mit der litauischen Geschichte verknüpft. Hier fanden Krönungen litauischer Großfürsten statt und hier wurden viele litauische Würdenträger begraben.

Im Innern der Kirche beeindruckt die sog. Kasimir Kapelle, die 1624-36 gebaut wurde. Kasimir (1458-84) war zwar "nur" der zweite Sohn des polnischen Königs Kasimir IV.(1427-92), aber nach dem Tod seines älteren Bruders wurde er polnischer König.

Durch seinen sparsamen Regierungsstil, sein Vorgehen gegen das Räubertum und gegen korrupte Hofbeamte gewann er das Ansehen weiter Teile der Bevölkerung, der vor allem sein bescheidener Lebensstil und seine Barmherzigkeit gegenüber Armen imponierte. An dieser streng christlichen Lebensweise scheiterte allerdings auch ein Versuch seines Vaters, ihn mit der Tochter Friedrichs III. zu verheiraten, da Kasimir ein Keuschheitsgelübde abgelegt hatte.

Durch seine asketische Lebensweise war er körperlich geschwächt, erkrankte an Tuberkulose und starb am 4. März 1484 im Alter von nur 25 Jahren. Im Jahr 1602 wurde seine bereits 1521 von Papst Leo X. veranlasste Heiligsprechung durch Clemens VIII. bestätigt. Im Mai 1604 fanden in Vilnius große Feierlichkeiten zu seiner Heiligsprechung statt. Bei der Öffnung seines Sarges fand man einen - angeblich - unversehrten Leichnam vor. Soweit die Legende!

Das Bild oben rechts zeigt den jugendlichen Kasimir auf dem Totenbett, das Altarbild inks zeigt eine lächelnde Madonna und in den Stukkaturen wird die Jugendlichkeit des Kasimir symbolisch dargestellt.

In der Zeit der sowjetischen Okkupation war diese Kirche - wie viele andere im Lande - zwar geschlossen, aber den Gläubigen wurde nicht verboten, drinnen zu beten. Es gab aber keine Gottesdienste.

Zur Gründung der Stadt Vilnius gibt es auch eine Legende:

Nach dieser soll der Großfürst Gediminas (1316-41) bei einer Rast in dieser Gegend von einem Wolf geträumt haben, der ungewöhnlich laut heulte.

Beunruhigt bat er seinen heidnischen Hohepriester Lizdeika um die Deutung dieser Episode und dieser empfahl ihm, sich hier anzusiedeln, da der Wolf für Macht und Ruhm stünde. Aber es war wohl eher die günstige Lage an den Flüssen Vilnia und Neris, die ihn zur Gründung der Stadt bewegten.

Archäologen sehen die Geschichte noch bodenständiger: Ihren Ausgrabungen nach hatten schon im 11. Jahrhundert Menschen an diesem taktisch vorteilhaften Ort gesiedelt.

Erste Erwähnung in den geschichtlichen Akten findet Vilnius als Hauptstadt der Litauer 1323. In jenem Jahr schreibt besagter Gediminas einen in Latein verfassten Brief an die Hauptstädte jener Zeit. Darin wirbt er Kaufleute, Wissenschaftler und Priester für "in civitate nostra regia Vilna" - sozusagen als hochqualifizierte Gastarbeiter - und lockt mit zwei Kirchen, also auch Religionsfreiheit.

Diese Toleranz gegenüber den verschiedensten Glaubensrichtungen sollte die Entwicklung der Stadt noch lange bestimmen. Dessen ungeachtet wurde Vilnius wiederholt Ziel von kriegerischen Angriffen des Deutschen Ordens.

Jetzt geht es zunächst "per pedes" zu weiteren Sehenswürdigkeiten und da es immer noch nieselt, rät unsere Führerin, Jacke und Regenschirm mitzunehmen - denn "wir werden längere Zeit außerhalb Bus bleiben" (O-Ton).

Zunächst kommen wir zur Universität von Vilnius (rechts), die schon 1579 gegründet wurde und damit die älteste Universität im Baltikum und ganz Osteuropa ist. Sie ist eine von 15 Unis im ganzen Land.

Die Universität hat 12 Fakultäten, 8 Universitätsinstitute und 10 Studien- und Forschungszentren. Ihre Bibliothek ist die älteste in Litauen. Angegliedert sind 3 Universitätsspitäler, ein astronomisches Observatorium, der Botanische Garten, ein Rechenzentrum und die Universitätskirche St. Johannes (unten rechts), mit einer reich gegliederten Barockfassade. Fast 24.000 Studenten sind an der Uni eingeschrieben!


Oben sieht man das Palais des litauischen Präsidenten und hier residiert - zum ersten mal in der Geschichte des Landes - eine Frau. Wozu unsere Führerin meinte: "Das wurde aber auch mal Zeit!"

Während wir unseren Stadtrundgang fortsetzen, erfahren wir, dass es auch in Litauen eine hohe Arbeitslosenquote gibt - besonders unter den Akademikern. Was z.B. junge Ärzte ins Ausland - nach England oder Amerika - treibt, wo sie oft nur für weinige Tage arbeiten. Wobei man ihnen neben einem Salär auch alle anfallenden Kosten ersetzt.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass sich junge Familien durch Kreditaufnahme für einen schönen Lebensstandard mit großer Wohnung und möglichst Zweitwagen oft hoch verschuldet haben und bei Arbeitslosigkeit diese Kredite nicht zurückzahlen können. Die Probleme auf der Welt scheinen sich überall zu gleichen.

Wenn man sich in Vilnius orientieren will, muss man nur nach einem Kirchturm Ausschau halten, informiert uns unsere Führerin. Man sieht von fast jedem Ort aus in der Stadt mindestens vier Kirchtürme und sieht man keinen, ist man auch nicht in Vilnius! Aufgrund der über 50 Kirchen der Stadt trägt Vilnius auch den Beinamen »Rom des Ostens«.

Was lag also näher, als weitere Kirchen anzuschauen und da bot sich das wunderschöne gotische Ensemble aus Annen- und Bernhardinerkirche an (oben links). Die eher zierliche Annenkirche - ein Meisterwerk der späten Backsteingotik - "besticht durch grazile Eleganz und stilistische Geschlossenheit in einer äußerst dynamischen Formensprache" - so unser ADAC - Reiseführer. Die flamboyante Ornamentierung der Fassade ist einzigartig. (Als Flamboyant - franz. für „flammend“ - wird die letzte Stilstufe der Spätgotik in Frankreich und England bezeichnet).

Die benachbarte, ebenfalls gotische Bernhardinerkirche ist eine dreischiffige Hallenkirche (rechts). Sie war ehemals in die Stadtmauer integriert und "beeindruckt durch das Wechselspiel aus hohen Fenstern und schmalen Strebepfeilern" (ADAC - Führer). Rechts im Bild sieht man das Denkmal für Adam Mickiewicz (1798-1855). Er gilt als der „Dichterfürst“ Polens und wichtigster Vertreter der polnischen Romantik.

Früher waren 1/3 der Einwohner von Vilnius Juden, die zum größten Teil dem Holocaust der Nazis zum Opfer fielen. Die Stadt galt seit ihrer Gründung als eine der liberalsten Städte Europas und weil sie immer schon verfolgten Juden Schutz geboten hat, hatte sie den Beinamen "Jerusalem des Nordens".

Zeitweise gab es 100 Synygogen in der Stadt, die auch als Kommunikationszentren der Handwerkszünfte, z.B der Bäcker oder Ärzte genutzt wurden. Obwohl Bürger der Stadt, lebten sie ihre eigene Kultur, mit eigener Literatur und eigenem Essen.

Eine Besonderheit konnten wir nur im Vorbeifahren vom Bus aus sehen - die Künstlerrepublik Užupis am rechten Ufer des Flüsschens Vilnele. In der man, wie ein Schild lehrt, "stets wie die Mona Lisa lächeln sollte". Man hat sogar eine eigene Verfassung, die 41 Artikel umfasst. Am 1. April begeht man einen Unabhängigkeitstag als "Tag der Streiche".

Am Tor der Mörgenröte (links und rechts) verlassen wir unseren Bus erneut, um die weitere Altstadt zu Fuß zu erkunden.

Dieses ehemalig Ost - Tor ist eines der wichtigsten Kultur- und Architektur-denkmäler der Stadt und befindet sich in der historischen Stadtmauer von Vilnius.

Nachdem man es passiert hat, führt eine schmale Strasse abwärts vorbei an der Kathedrale der Heiligen Theresa zum Marktplatz mit dem Rathaus (unten rechts) und der St. Casimir - Kirche (unten links). Danach war es Zeit für einen kleinen Mittagsimbiss und auch das Wetter wurde besser und wärmer.



Am Nachmittag brachte uns unser Bus nach Trakai, der früheren litauischen Hauptstadt, wo heute noch die idyllisch gelegene und restaurierte Wasserburg im Galve - See besichtigt werden kann (links und unten). Im 13. Jahrhundert war Trakai Sitz des Großfürstentums des Gedimas, bis dieser Vilnius zur Residenz erklärte.

In Trakai - so informiert uns Ingrid - leben heute noch angehörige der Karäer, einer jüdischen Religions-gemeinschaft. Der litau-ische Großfürst Vytautas hatte sie im ausgehenden 14. Jahrhundert von der Krim - bis dahin reichte das litauische Reich damals - als Leibwächter nach Trakai gebracht.

Ihre grünen, gelben und blauen Holzhäuser haben keine Tür zur Strasse hin, sondern jeweils drei Fenster: eines ist Gott vorbehalten, eines dem Großfürsten und durch das dritte Fenster schaut der Hausherr (oben rechts).

Nächstes Ziel war nach runden 300 Kilometern Busfahrt quer durch Litauen die Hafenstadt Kleipeda, ehemals vom Deutschen Orden Mitte des 13. Jahrhunderts als Memel gegründet. Der Name leitet sich ab von dem Fluß Memel, der mit einem weit verzweigten Delta hier in das Kurische Haff mündet.

Unser Hotel Amberton Klaipeda hatte leider nicht den gewohnten Standard, aber für nur 2 Nächte musste es reichen. Gleich am ersten Abend wurden wir mit einem folkloristischen Abend willkommen geheissen (links).

Beim Frühstück sitzen wir mit einem netten Ehepaar aus Neheim - Hüsten am Tisch, die Herrn Schlinkert gut kennen, mit dem ich seinerzeit durch unsere Berufe bekannt war. Da richte ich doch gerne Grüße aus und vielleicht melden Sie sich mal bei mir, Herr Schlinkert - wäre schön!

Am nächsten Vormittag führte Ingrid uns mit wieder vielen Erläuterungen durch die geschichtsträchtige Stadt, in der auch wieder der Deutsche Orden eine prägende Rolle spielte. Bis dem Orden im Jahre 1410 in der Schlacht bei Tannenberg eine entscheidende Niederlage beigebracht wurde. Ab 1525 wurde die Stadt preußisch und blieb es für 400 Jahre, nur unterbrochen von einem "schwedischen Intermezzo" zwischen 1629 und 1635 im Dreißigjährigen Krieg. 1807/08 war Klaipeda sogar mal Preußens Hauptstadt, weil Berlin von Napoleon erobert worden war.

Die Schlacht bei Tannenberg am 15. Juli des Jahres 1410 unweit des heutigen Stebark (polnischer Name Tannenbergs) war eine Schlacht zwischen dem Heer des Deutschen Ordens unter Hochmeister Ulrich von Jungingen und einer gemeinsamen Streitmacht des Königreiches Polen unter König Wladyslaw II. Jagiello und des Großherzogtums Litauen unter Großfürst Vytautas.

Der ein Jahrhundert andauernde kriegerische Konflikt des Ritterordens mit dem Großfürstentum Litauen sowie die latente Rivalität zwischen Deutschem Orden und dem Königreich Polen erreichte in der Schlacht bei Tannenberg seinen Höhepunkt. Die schwere Niederlage der Streitmacht des Deutschen Ordens in dieser Schlacht kennzeichnet den Beginn des Niedergangs der Ordensherrschaft in Preußen sowie den Aufstieg Polen-Litauens zur europäischen Großmacht.

Die Schlacht bei Tannenberg gilt als eine der größten Schlachten zwischen mittelalterlichen Ritterheeren und gehört seit dem 19. Jahrhundert zum Nationalmythos Polens und Litauens.


Von dem Stadtrundgang hier ein paar Bilder:





Ein weiterer Höhepunkt heute war dann der Besuch der Kurischen Nehrung, auf die wir mit unserem Bus per Fähre übersetzten. Diese 98 Kilomter lange Landzunge ist zwischen 400 Meter und 4 Kilometer breit und trennt das Kurische Haff von der Ostsee - und das seit rund 10.000 Jahren. Der Name leitet sich von den Kuren ab, einem baltischen Stamm, der hier seit dem 13. Jahrhundert siedelte.

Obwohl zur Ostsee hin offen, gibt es im Haff kein Salz-, sondern Süßwasser von der Memel. Kiefern, Fichten und Eichen wachsen hier (unten links) und zur Ostsee hin gibt es wunderschöne Sandstrände (unten rechts). Aber auch gefährliche Wanderdünen, die schon viele Ortschaften überollt und dabei eben auch viele Menschen getötet haben.

Agnes Miegel (1879-1964), eine deutsche Schriftstellerin und Balladendichterin schuf als Literatin Lyrik und Erzählungen, die von heimatlich-christlichem Gedankengut geprägt sind. Bekannt wurde sie besonders mit ihrer Ballade "Die Frauen von Nidden". Hierin beschreibt sie den Untergang des Dorfes Nidden in Ostpreußen, dem heutigen Nida in Litauen bei einer Pestepidemie. Ingrid liest uns diese Ballade vor und es wurde sehr still im Bus...

Unter diesem Link kann man den Text der Ballade aufrufen: Die Frauen von Nidden

Ännchen von Tharau

Das Denkmal für den 1605 in Memel geborenen memelländischen Dichter Simon Dach besteht aus der Mädchenfigur seines Gedichts Ännchen von Tharau.

Dazu gibt es eine anrührende Geschichte. Als der Dichter das Ännchen von Tharau das erste Mal erblickte, verliebte er sich sofort in sie. Zu seinem Unglück war der Anlaß ihrer Begegnung ihre Hochzeit mit dem Pfarrer Johannes Partatius. So konnte der Dichter seine Liebe nur in Versform zum Ausdruck bringen:

"Ännchen von Tharau ist, die mir gefällt, Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz Auf mich gerichtet in Lieb' und in Schmerz.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut, Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!"

Ingrid wäre nicht Ingrid, wenn sie nicht noch "einen draufsetzen" könnte. Weil Ännchen einem gewissen Hitler anlässlich einer Rede vom Balkon hinter dem Brunnen ihr Hinterteil zuwandte - wie auch anders - musste das Denkmal verschwinden. Die heutige Figur ist also eine Kopie. Als diese - nach dem Bild eines jungen Mädchens, das der Künstler auf der Fähre sah, geschaffen - enthüllt wurde, soll die Mutter des Mädchens ausgerufen haben: "Huch - das ist ja meine Tochter".

Richtig oder nicht - geschmunzelt haben wir auf jeden Fall.

Neringa heißt der Zusammenschluss der Orte auf der Kurischen Nehrung. 1961 wurden die damals eigenständigen Dörfer Alksnyne, Nida, Preila, Pervalka und Juodkrante zu einer Verwaltungseinheit, der Stadt Neringa, zusammengeschlossen. Auf dem Weg zum Hauptort Nida muss man durch eine Zollschranke und dort eine Maut, eine "ökologische Steuer", bezahlen. Man will so den Autoverkehr in Grenzen halten. Deshalb wird auch keine Brücke von Klaipeda zur Nehrung gebaut, sondern der Fährverkehr beibehalten.

Zur Entstehung der Kurischen Nehrung erzählt uns Ingrid eine ergreifende Geschichte:

Einst gab es hier eine Riesin mit dem Namen Neringa, die als Baby von einem kinderlosen Fischerpaar am Strand gefunden und großgezogen wurde. Nun machte der erboste Meergott durch Stürme, Sturmfluten und wildes Meer den Fischern oft große Probleme. Neringa füllte deshalb ihre Schürze mit Sand und hat damit die vielen kleinen Inseln, die es damals hier gab, zum heutigen Haff zusammengefügt".

Wir legen einen Stopp ein auf unserer Fahrt über die Nehrung und kämpfen uns wild um uns schlagend durch Schwärme von Stechmücken, um ein bizarres Schauspiel zu sehen. Hunderte von Kormoranen besetzen hier nicht nur die Bäume, ihr Kot ätzt auch alles Leben dieser Bäume weg. Aber die Vögel stehen unter Naturschutz, dürfen also nicht getötet werden. Eigentlich unverständlich!

Nachdem wir bei aufkommenden Nebel, aber gut 20° die Wanderdüne südlich von Nida bewundert haben (rechts), legen wir in diesem idyllischen Ort eine längere Mittagspause ein. Das lange Warten auf den gebratenen Zander hat sich dann aber gelohnt - er schmeckte köstlich.

Auch Nida versandete zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert dreimal, was man angesichts der gepflegten Holzhäuser kaum glauben mag. Diese präsentieren sich traditionell rostbraun, mit weißen Fensterrahmen und blauen Giebelbrettern und Türen.

An den breiten und sehr flachen Fischerbooten waren diese hölzernen Kurenwimpel angebracht, die sowohl den Wind, aber auch den Heimatort und die persönliche Situation der Fischer anzeigten (unten).

Ein "Muß" bei einem Aufenthalt in Nida ist der Besuch des Thomas - Mann - Hauses, das man nach einem kurzen, aber heftigen Aufstieg erreicht. Der Dichter baute das Haus 1929 als Feriendomizil und verbrachte hier mehrere Sommer mit seiner Familie. Unter dem reetgedeckten Dach und mit weitem Blick über das Haff schrieb er hier die Trilogie "Joseph und seine Brüder".

Nachdem Kleinlitauen 1939 von Deutschland annektiert worden war, eignete sich Hermann Göring das Haus an.

Zum Abschluß unseres Besuches in Nida führte Ingrid uns noch in ein kleines Bernsteinmuseum (links). Hier fiel die Auswahl eines Schmuckstückes angesichts des umfangreichen Angebotes schwer, wobei ein StücK schöner war, als das andere.

Wir erfuhren in einer kleinen Einführung auch einiges über den Bernstein, seine Entstehung aus Baumharz vor millionen Jahren - Bernstein ist bis zu 260 Millionen Jahre alt - und über die verschiedenen Färbungen, in denen Bernstein vorkommt.

Die Farben des Bernsteins reichen von farblos über weiß, hell- bis goldgelb und orange bis hin zu Rot- und Brauntönen. Je nach Art und Menge der pflanzlichen Einschlüsse kommen auch grünliche Töne sowie tiefschwarze Bernsteine vor. Und davon werden jedes Jahr 400 Tonnen aus der Erde gholt!

Der nächste Tag sollte uns über etwa 350 Kilometer nach Riga bringen. Da hiess es, früh um 6.00 Uhr wecken, um 7.00 Uhr frühstücken und um 8.00 Uhr fuhren wir pünktlich los.

Auf der Strecke gab es zwei Zwischenziele, den Berg der Kreuze und das Barockschloß Rundale. Während der Busfahrt war Gelegenheit, die abwechslungsreiche Landschaft zu betrachten. Viele Wiesen wechselten mit kleinen Wäldchen und gelben Rapsfeldern ab, die in der Sonne leuchteten. Mittags erreichten die Temperaturen stolze 25°, für diese nördliche Region beachtlich, wie wir fanden.

Im Norden Litauens, kurz vor der estnischen Grenze, liegt mit dem Berg der Kreuze eine der Hauptattraktionen des Landes. Auf einem nur 9 Meter hohen Hügel drängen sich Hunderttausende Kreuze in allen nur erdenklichen Formen, Farben und Größen.

Die ersten Kreuze wurden nach den Aufständen gegen die Russen aufgestellt; das war im 19. Jahrhundert. Die Russen ließen im Laufe der Jahre diese Pilgerstätte, diesen Ort des "nationalen Gedenkens" mehrfach einebnen, wobei sie auch Planierraupen einsetzten. Aber immer wieder standen schon nach kurzer Zeit - oft über Nacht - neue Kreuze hier und bald wurde der Berg ein nationales Symbol.


Auf der Weiterfahrt nach Rundale gab es bei einem Zwischenstopp ein leckeres Mittagessen mit Sauerampfersuppe und Hirschsteak. Und jetzt ist es auch mal an der Zeit, einen der vielen Störche zu zeigen, die wir hier immer wieder sehen. Mit Schauen und Informationen von Ingrid über die litauische Götterwelt vergeht die Zeit. Die der/die Eine oder Andere für ein kurzes Nickerchen nutzt - so eine Busfahrt macht schläfrig.

Hellwach sind wir dann aber wieder, als das Barockschloß Rundale in Sicht kommt. Ein Ernst Johann von Biron (1690-1772), Herzog von Kurland und Semgallen, ließ das Schloß nach Versailler Vorbild in den Jahren 1735-40 als seine Sommer-residenz errichten. Es weist immerhin 138 Räume auf, von denen einige - wie auch die Fassade - sehr schön renoviert wurden.





Wir überqueren die litauisch-lettische Grenze, erreichen Riga gegen 17.00 Uhr und checken in unserem Reval Hotel Latvija ein. Ist wieder so ein riesiger Kasten mit über 20 Stockwerken, bei dem allerdings die Klimaanlage ausgefallen war und es in den Zimmern - deren Fenster man angesichts der 24 Stockwerke nur kippen konnte - sehr heiß war.

So sind wir mit dem Ehepaar Müller und Frau Rasmus-Rabe nach dem Abendessen im Restaurant bei angeregter Unterhaltung bis Mitternacht geblieben. Es war so mild, daß wir draußen sitzen und dort unseren Wein (oder was auch immer) genießen konnten.

Riga als Hauptstadt von Lettland wurde schon 1202 von dem Bremer Bischof Albert von Bonhoeveden an der Daugavamündung (deutsch: Dünamündung) gegründet. Auch diese Stadt hat eine bewegte Geschichte, in der der Schwertritterorden und die Hanse, später die deutsche Wehrmacht und die russischen Besatzer eine Rolle spielten. Erst am 21. August 1991 konnte Lettland seine Unabhängigkeit erreichen.

Ingrid führte uns auf unserem Stadtrundgang in das Jugendstilviertel, dass wir uns allerdings mit etlichen anderen Gruppen teilen mussten. In Riga ist der Jugendstil zu einer der noch heute das Stadtbild wesentlich prägenden Architek-turrichtungen geworden.

Und hier ist besonders Michail Ossipowitsch Eisenstein (1867-1921 / links) zu nennen. Zu Beginn seiner Architektenlaufbahn noch als "verrückter Zuckerbäcker" verspottet, wurden ihm später viele Ehrungen und Auszeichnungen zuteil.

Der Jugendstil hat verschieden Phasen, u.a. die dekorative Phase und überrascht durch seine Vielzahl stilistischer Ausdrucksformen. Ein Hauptmotiv neben Pflanzen (floraler Jugendstil) und Tieren sind Frauen, die Engeln gleichen. Wir waren jedenfalls von den sorgfältig und farbenfroh restaurierten Fassaden überwältigt.


Auf unserem Stadtrundgang kommen wir am Freiheitsdenkmal (links) vorbei, dem Symbol für die nationale Souveränität Lettlands, das auch mit einem lettischen Frauennamen Milda genannt wird. Auf der Spitze des 19 Meter hohen Obelisken befindet sich eine 9 Meter große Statue - eine Allegorie der Freiheit.

Die drei Sterne in den Händen der weiblichen Figur symbolisieren die drei historischen Regionen Lettlands: Kurland, Livland und Lettgallen (rechts).

So ein Stadtrundgang bei sommerlichen Temperaturen macht müde und "hydrrrrrotechnische Anlagen" müssen auch von Zeit zu Zeit aufgesucht werden.


Wir erfahren dieses über den Rigaer Dom: Er wurde im Jahre 1211 durch Albert von Bonhoeveden (auch Buxthoeven geschrieben) erbaut und ist die größte baltische Kirche. Täglich finden kurze Orgelkonzerte statt. Dieses Erlebnis lassen wir uns nicht nehmen und klinken uns mit einigen anderen Teilnehmern für 20 Minuten aus der Gruppe aus. Und das hat sich gelohnt, wie wir einstimmig meinen - gehört ein Orgelkonzert im Dom doch zu den Klassikern einer Baltikumreise! Der raumfüllende Klang dieser 6718 Pfeifen, 124 Register und vier Manuale beeindruckte uns.

Der Kreuzgang gehört zu dem Kloster, welches dem Dom ange-schlossen ist (rechts).

Was machen die Bremer Stadtmusikanten neben der Kirche? Ingrid weiß es - Bremen ist eine Partnerstadt von Riga und hier wie dort soll es Glück bringen, wenn man eine Figur anfasst. Christel prüft die Angelegenheit und jetzt wartet sie...

Das Rigaer Schloß des Deutschen Ordens wurde 1330 erbaut, Ende des 15. Jahrhunderts in den Auseinandersetzungen zwischen Riga und dem Orden zerstört, aber kurz darauf in seiner heutigen Gestalt wieder aufgebaut (rechts).

Vom Schloß bummeln wir weiter über die und kommen zum Haus der Livländischen Ritterschaft mit seinem Bossenmauerwerk, daß an Schockolade erinnert - wie Ingrid schmunzelnd meint. Und Sie hat Recht (unten). Seit 1991 tagt hier das lettische Parlament - die Saeima.

Vor den "Drei Brüdern" - so werden diese drei Häuser genannt, die sich eng aneinander schmiegen - spielten zwei Musikanten flotten Dixie. Das Häuserensemble entstand schon zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert, das mittlere Haus ist das älteste Wohnhaus der Stadt (oben).

Auch zum imposanten Pulverturm (unten) kann Ingrid eine Geschichte beisteuern. Er stand viele Jahre leer und nur Tauben hatten sich hier eingenistet. Im Laufe der Jahre hatte sich deren Kot meterhoch im Innern aufgetürmt.

Dann kamen Studenten auf die Idee, sich hier einen Versammlungsort zu schaffen, fragten die Verwaltung, die sagte "Ja", wenn sie den Kot beseitigen würden. Gesagt, getan (nicht: versprochen-gehalten !!) - so wurde der Turm wieder mit Leben erfült.

Ein weiterer markanter Ort in der Stadt ist der Rathausplatz. Hier fällt weniger das nach den Plänen von 1750 wieder aufgebaute Rathaus ins Auge (unten rechts), als viel mehr das berühmte Schwarzhäupterhaus mit dem hohen Giebel und der schmucken Backsteinfassade (unten links).




Das heutige "Schwarzhäupterhaus" ist eine Rekonstruktion, da das 1334 erbaute Original bei enem deutschen Bombenangriff 1941 zerstört worden war.

Ursprünglich kamen in dem Gebäude Rigaer Bruder-schaften und Vereine zusammen, bis es im 17 Jh. in die Hände der „Compagnie der Schwarzen Häupter“ überging. Es handelte sich dabei meist um junge, unverheiratete ausländische Kaufleute, die das Bürgerrecht in der Stadt nicht besaßen, sozusagen ein Junggesellenclub. Die "dritte Gilde" war aus der Bruderschaft des hl. Georg hervorgegangen, der hier an der Fassade im Kamppf mit dem Drachen auftaucht. Ebenso der Schutzpatron der "Schwarzhäupter", der hl.Mauritius. ,dessen Figur im rechten Pfeiler des Einganstores zu sehen ist. Im linken Pfeiler ist die Gottesmutter mit dem Kind zu sehen. In der Fassade sind die Wappen verschiedener Hansestädte und mehrere allegorische Figuren zu erkennen.

Nachdem der geführte Stadtrundgang beendet war, sahen wir uns ein weiteres "absolutes Muss" an - Rigas Zentralmarkt, der einer der größten Europas und sogar der älteste ist, gibt es ihn doch schon seit der Stadtgründung im Jahr 1201.

Der südlich des Bahnhofs gelegene Markt ist immer gut besucht und gibt einen Einblick in den Lebensstandard der Letten. Die Auswahl an Lebensmitteln wie Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse ist überwältigend, hier bekommt man alles Vorstellbare oder auch Unvorstellbare - etwa mit Designerlabels bedruckte Plastiktüten!

Und da es wieder richtig heiß war, gönnten wir uns ein Eis in einem Restaurant in der Fußgängerzone.

Dann hieß es schon wieder Abschied nehmen von Riga und unserem Hotel (links) und am Pfingstsonntag, dem 23. Mai starten wir Richtung Tallinn, zur letzten Station unserer Reise. Der Wettergott meint es heute wieder gut mit uns, der Himmel ist blau und es wird warm werden. So können wir die Zwischenaufenthalte auf dieser Etappe richtig geniessen.

Ingrid hat wieder reichliche Informationen über das Land, in dem sie ja zuhause ist. So erfahren wir, dass die weisse Bachstelze der lettische Nationalvogel, die Wucherblume - eine Margeritenart - die Nationalblume und der Marienkäfer der Nationalkäfer ist. Letzterer weil er Schädlinge von den Pflanzen fernhält. Aber auch zwei Nationalbäume haben die Letten - die Linde für die weibliche und die Eiche für die männliche Seite. Nationalstein ist auch hier der Bernstein. Wenn der este von Brot spricht, meint er immer Schwarzbrot - Weißbrot hat eine eigene Bezeichnung. So etwas sagt dir kein gedruckter Reiseführer!

Nach der Überquerung des Flusses Gauja (links) - mit etwa 452 Kilometer Länge der längste Fluss Lettlands - in dem historischen Landschaftsgebiet Livland, legten wir an der Gutmannshöhle (unten rechts) einen Stopp ein. Hier soll nach einer mittelalterlichen Sage ein Einsiedler gelebt und das kühle Quellwasser, das hier entspringt, an die Menschen verteilt haben - daher der Name dieser größten Höhle Lettlands.

Die Gutmannshöhle diente schon den alten Liven als Kultstätte. Heute ist sie ein Besichtigungsmagnet und seit der Legende "Die Rose von Turaida" nahezu ein Wallfahrtsort für Jugendliche. Ingrid erzählt uns die tragische Geschichte der beiden Liebenden Maja und Viktor.

In der Nähe liegt die Burg von Turaida, wo Maja und Viktor einst lebten.
Die traurige Geschichte von Maja und Viktor

Nach einer Schlacht in der Nähe der Burg im Jahr 1601 fand der Burgschreiber auf der Suche nach Überlebenden ein Kind in den Armen seiner toten Mutter. Er zog das Mädchen wie seine eigene Tochter auf und nannte es Maja.

Herangewachsen wurde sie wegen ihrer Schönheit die Rose von Turaida genannt. Sie liebte Viktor, den jungen Gärtner des Schlosses von Sigulda. Im Herbst 1620 wollten die beiden heiraten.

Kurz zuvor erhielt Maja einen Brief von Viktor, der sie um eine Begegnung bei der Gutmannshöhle, ihrem gewöhnlichen Treffpunkt, bat. Sie begab sich zur Höhle. Dort lauerte Adam Jakubowski, ein polnischer Adliger, auf sie und wollte Gewalt anwenden. Maja versprach, ihm ihr Halstuch zu schenken, das den Träger unverwundbar mache, falls er sie gehen ließe, und forderte ihn auf, die Wirkung des Tuches an ihr zu erproben.

Jakubowski schlug daraufhin mit einem Beil zu und Maja fiel tot zu Boden. Am Abend kam Viktor zur Höhle und fand die Leiche seiner Verlobten. Viktor beerdigte seine Verlobte bei der Burg und pflanzte eine Linde auf das Grab. Da es einen Zeugen der Bluttat gab, konnte der Mörder überführt und mit dem Tode bestraft werden.

Heute legen Jungvermählte Blumen auf das Grab mit dem Schwur, einander treu zu bleiben.

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Von der Gutmannshöhle war es nur ein kleiner Spaziergang zur Burg von Turaida - was "Gottesgarten" bedeutet. Der in der Nähe liegende Ort Sigulda ist das lettische Wintersportzentrum. Aufgrund seiner bewegten Geschichte gibt es in der Umgebung von Sigulda eine Reihe Burgen und Schlösser, von denen die restaurierte Burg Turaida die wichtigste ist.

Diese imposante Anlage wurde 1214 als Residenz des Bischofs von Riga errichtet. Sie diente auch als Gegengewicht zur Burg des Schwertbrüderor-dens am gegenüberliegenden Ufer der Maja.


Ein Teil der Gruppe liess es sich nicht nehmen - so auch ich - den etwas beschwerlichen Aufstieg auf den Turm zu wagen. Was sich aber angesichts der herrlichen Blicke auf die Landschaft der Gauja durchaus gelohnt hat.

Nach dem Besuch der Burg und dem kleinen Museum darin besuchten wir den Skulpturengarten, in dem 25 Skulpturen des Bildhauers Indulis Ranka den in Liedern verewigten Mythen- und Sagenschatz illustrieren. Einige der Skulpturen zeige ich hier mal:




Jetzt geht es fast Non Stopp nach Tallin, der Hauptstadt von Estland und unserem letzten Ziel. Vorher macht Ingrid aber noch eine Pause, die für einen Imbiss genutzt werden kann. Wir gönnen uns ein Schälchen frische Erdbeeren mit Joghurt.

Um 15.00 Uhr passieren wir die lettisch - estnische Grenze, der Himmel ist jetzt Wolkenbedeckt und es kommt auch ein heftiger Wind auf (rechts). Wir müssen uns wohl von dem schönen Wetter, das uns bis jetzt verwöhnt hat, verabschieden. Aber erst mal checken wir in Tallinn im Reval Hotel Olümpia - diesmal schon um 16.00 Uhr - und beziehen unser Zimmer im 17. Stock. Mit einer phantastischen Aussischt über die Stadt (unten).

Hier muss ich mal zwei Tatsachen festhalten: Erstens waren die Hotels, in denen wir untergebracht waren, sehr gut - mit der kleinen Ausnahme in Klaipeda. Aber wichtiger war für uns, wie gut Ingrid und Frau Dienst jeweils unser Einchecken "im Griff" hatten. Wir waren kaum aus dem Bus ausgestiegen, da bekamen wir schon unsere Zimmerschlüssel. Lediglich das Gedrängel vor den Liften war etwas nervig - aber bei fast 200 Gästen, die immer nur leicht zeitversetzt ankamen, nicht zu vermeiden.

Die Ursprünge Tallinns gehen auf eine hölzerne Burg zurück, die auf dem heutigen Domberg stand und einen dort vermuteten estnischen Handelsplatz. Diese wurden um die Mitte des 11. Jahrhunderts gebaut. Gleichzeitig wurde in dieser Zeit der Hafen Tallinns angelegt.

Später wurde diese Siedlung erst von den Dänen unter König Waldemar II., später vom Deutschen Schwertbrüderorden eingenommen. Tallinn entwickelte sich bald zu einer florierenden Hafen- und Handelsstadt. Gehandelt wurde mit Bernstein und Salz, aber auch mit Pelzen, Flachsgarn, Wachs sowie Teer und Honig - also eine große Warenpalette.

Die Zweiteilung in eine Ober- und eine Unterstadt, die bis heute für Tallinn charakteristisch ist, gibt die gesellschaftlichen Verhältnisse im Mittelalter wieder: Landesherren, Adel und Geistlichkeit residierten "auf dem Berg". Unten lebten die Kaufleute und Handwerker - die Bürgerschaft.

Im August 1991 stellte Estland nach einem mehrjährigen Prozess der Loslösung von der Sowjetunion, insbesondere seit 1988, seine Souveränität wieder her. Das Land soll ab dem 1.1.2011 in die Eurozone aufgenommen werden.

Meine Befürchtung ist heute - am Pfingstmontag - leider eingetreten. Der Himmel ist voller Wolken und heute wird es bei unserem Stadtrundgang auch heftig regnen. So beginnen wir unsere Stadtführung im Bus und fahren zunächst zum Sängerstadion (links und unten), wo die Esten 1988 stimmgewaltig gegen das Sowjetregime "angesungen" haben.

Mehr als 25.000 Sänger haben sich ihre Freiheit im wahrsten Sinne des Wortes ersungen, als sie 1988 auf einem der alle fünf Jahre stattfindenden gesamtestnischen Sängerfeste die bis dahin verbotene estnische Nationalhymne anstimmten. Diese Ablösung von der Sowjetunion ist unter dem Schlagwort „Singende Revolution“ in die Geschichte eingegangen.

Immer dabei ist der Komponist Gustav Ernesaks (1908-93), dessen Denkmal im Jahr 2004 an der Sängerbühne enthüllt wurde. Er gilt als der Wegbereiter dieser "Singenden Revolution".

Dann geht es unter ständiger Begleitung unserer Regenschirme zu Fuß weiter. Erster Fotostopp an der Alexander - Newskij - Kathedrale, die 1894 am Schloßplatz errichtet wurde (links).

Im Schloß sind heute das estnische Parlament und die Regierung untergebracht (rechts).

Tallinn besitzt noch eine imposante Stadtmauer, deren Bau noch auf die Dänische Königin Margarethe zurückgeht. Der Verteidigungsring umgab mit ehemals 14 Türmen und 4 Kilometer Länge die gesamte Unterstadt. Im 16. Jahrhundert wurde die Mauer von 6 auf 16 Meter und die Zahl der Türme auf 46 erhöht (links), von denen heute noch 26 stehen.

Ingrid weiß natürlich, warum einer der Türme "Kiek in de Kök" heißt - weil die Besatzung von hier aus Leuten "In die Küche" schauen konnte.

Die Lühike jalg (rechts) führt uns von der Oberstadt hinunter zum Marktplatz mit dem schon im 13. Jahrhundert errichteten Rathaus (unten lins) und der Ratsapotheke (unten rechts). Diese wurde 1422 erstmals urkundlich erwähnt und ist damit eine der beiden ältesten noch tätigen Apotheken Europas.

Tallinn bietet dem Besucher so viele Sehenswürdigkeiten, dass ich sie hier nicht alle aufzählen kann. Unser Stadtrundgang an diesem Montag fiel also buchstäblich ins Wasser, denn es regnete "ergiebig". Aber am Dienstag, unserem Abreistag, schien wieder die Sonne und so hatten wir Gelegenheit - der Flieger ging erst um 21.00 Uhr - die Stadt auf eigene Faust weiter zu erkunden. Die folgenden Bilder geben einen kleinen Überblick:

Große Bedeutung für die Esten hat die kleine Heiliggeistkirche, in der nach der Reformation erstmals auf estnisch gepredigt wurde. Ihre Architektur blieb seit dem 14. Jahrhundert unverändert. Innen ist der prächtige Flügelaltar von Bernt Notke (rechts) und die Bilder mit biblischen Geschichten (unten Adam und Eva) zu bewundern. Der geringe Eintritt lohnt sich allemal.

Die Nikolaikirche (oben) wurde zwischen 1230 und 1275 von westfälischen Kaufleuten als Wehrkirche gegründet. Zwischen 1405 und 1420 erhielt die Kirche ihr heutiges gotisches Aussehen, als die Hansestadt zu einigem Reichtum gekommen war. Wichtigstes Kunstwerk der Nikolaikirche ist der Totentanz des Lübecker Künstlers Bernt Notke in der Antoniuskapelle (unten).

In der Strasse Pikk stehen drei eng beieinanderstehende Häuser aus dem 14. Jahrhundert, die "Die drei Schwestern" genannt werden (links). Heute befindet sich ein Hotel darin.

In der selben Strasse liegt auch das Talliner "Haus der Schwarzhäupter" (rechts).

Und wenn man weiter durch ein Tor in der Stadtmauer geht, gelangt man zu einem Turm mit dem schönen Namen "Dicke Margarethe" (unten links).

Die Katharinenpassage präsentiert sich als unge-schönte mittealterliche Gasse. Hier befand sich einst das Dominikanerkloster St.Katharinen (unten rechts).

Mit einem letzten Blick auf unser Hotel in Tallinn (rechts) kommt mein kleiner Reisebericht zum Ende. Ingrid begleitete uns noch im Bus zum nahe gelegenen Flughafen, wo es eine herzliche Verabschiedung gab.

Nach unserer persönlichen Einschätzung geht der Erfolg dieser Studienfahrt entschieden auf Ingrids Konto. An dem positiven Erlebnis konnte für mich auch nicht die Tatsache etwas ändern, daß ich im Flieger Reihe 37 zugeteilt bekam, dieser aber nur 36 Reihen hatte. Ging ja letztlich auch alles gut aus.

Dann ging alles sehr schnell, denn wir flogen mit fast 800 km/h in über 11.000 Meter Höhe Richtung Paderborn. Wo wir pünktlich gegen 22.00 Uhr gesund und munter und um ein tolles Erlebnis reicher, wieder landeten.

Bei dem Nachtreffen am 22. Juli in den Räumen der Volksbank in Schwerte gab es dann nicht nur eine köstlche Bewirtung durch die Damen Tesch und Dienst, es wurden auch viele Bilder gezeigt und Erinnerungen ausgetauscht. Das obige Bild - vor dem Thomas - Mann - Haus in Nidda zeigt denn auch eine zufrieden und fröhlich dreinschauende Gruppe.
So fröhlich, wie während der gesamten Reise!