Studienreise nach Kappadokien
Im Oktober 2008

Autor: Klaus Donndorf



"Lyi günler" - "Guten Tag", lieber Leser, der Sie sich für den Bericht über unsere Reise nach Kappadokien interessieren. Dieses Gebiet im Herzen Anatoliens, das mit seiner einzigartigen und bizarren Tufflandschaft eines der interessantesten in der Türkei und inzwischen eine echte Touristenattraktion geworden ist. Was nicht immer schön, aber für die Menschen dort ein Segen ist. Bringen diese »Touris« doch Geld in diese abgelegene und oft ärmliche Region. Und wie angeblich viele Türkeireisende hatten auch wir bisher von Kappadokien noch nie gehört. Deshalb waren wir besonders gespannt, was uns hier erwartete. Die »Freebird« - Maschine ist gelandet

Am Freitag, dem 10. Oktober war unsere Nacht schon um 4.00 Uhr zuende, denn um 8.45 Uhr sollte unser Flieger vom Flughafen Münster / Osnabrück starten. Wir mussten aber volle 2 Stunden vor Abflug am Flughafen sein. Nun - das klappte auch dank Christiane alles und pünktlich um 8.50 waren wir "in der Luft". Um nach 3 1/2 Stunden ruhigen Fluges in Nevsehir - was man Nevschehir ausspricht und was Neustadt heisst - bei blauem Himmel und Sonnenschein zu landen. Es ist ein kleiner Regionalflughafen und da wir damit gerechnet hatten, in Kayseri zu landen, bedeutete es für uns eine erste Enttäuschung auf dieser Reise. Das Flughafengebäude von Nevsehir

Wir waren etwa 200 Passagiere in dem Flieger und wurden jetzt auf 5 Busse aufgeteilt; diese Gruppen blieben auch die ganze Zeit so zusammen. Glück hatten wir dann mit DURUKAN Bey, unserem Reiseführer, der nicht nur sehr gut Deutsch sprach, sondern uns auch sehr viel über dieses geschichtsträchtige Land und seine Bewohner im Laufe der Tage erzählte (Bild unten, 1. v.r.) Durukan bey - unser Reiseführer

Wenn ein Türke über sein Land spricht, steht immer der Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk im Vordergrund. Atatürk, wie er nur genannt wird, hat diesen laizistisch geprägten Staat - Trennung von Religion und Staat - nach dem ersten Weltkrieg in der Nachfolge des Osmanischen Reiches - das von ca. 1299 bis 1923 (!) bestand - durch viele gesellschaftliche Reformen nach dem Vorbild verschiedener europäischer Staaten modernisiert und dadurch geprägt.

Seit der Republikgründung im Jahre 1923 wuchs die Bevölkerung der Türkei schnell an. 1927 lebten in der Türkei knapp 14 Millionen Menschen, 2003 waren es knapp 70 Millionen. In den letzten Jahren hat sich das Bevölkerungswachstum sehr verlangsamt. Die Türkei ist gleichzeitig ein Auswanderungs- und Einwanderungsland.

Und anders, als z.B. Deutschland mit seiner föderalistischen Struktur ist die Türkei nicht in politische Länder, sondern in geographische Regionen aufgeteilt.


Das Gebiet der Türkei ist in 7 Regionen aufgeteilt:
Die geographischen Regionen der Türkei

1. Marmara / Marmararegion
2. Ic Anadolu / Zentralanatolien
3. Ege / Ägäisregion
4. Akdeniz / Mittelmeerregion
5. Karadeniz / Schwarzmeerregion
6. Güneydogu Anadolu / Südostanatolien
7. Dogu Anadolu / Ostanatolien

Während Durukan bey ununterbrochen erklärte - wobei jeder zweite Satz mit den Worten: "Es ist folgendermaßen..." begann, genossen wir die Fahrt im klimatisierten Bus bis zum ersten Stopp. Und hier staunten wir zum ersten mal, als wir die bizarren Tufsteingebilde sahen, die sich im Laufe von Jahrmillionen durch Wind- und Wettereinflüsse gebildet haben. Die Bilder sollen einen ersten Eindruck davon widergeben. Feenkamine... ...nennt man...
...diese bizarren... ...Gebilde !

Natürlich durften hier, wo alle Busse einen ersten Halt machten, Souvenirstände nicht fehlen:
Wo Touris sind... ...sind auch Souvenirstände
Und für uns gab es einen ersten Fladen mit Käse "auf die Hand":
Eine Türkin beim Fladenbacken... ...den man dann aus der Hand ist.

Nach diesem Halt mit den ersten Eindrücken von dem, was uns in den nächsten Tagen in geballter Ladung noch erwarten sollte, fuhren wir weiter ins wunderschöne Devrent Tal, das sich vier Kilometer nördlich von Ürgüp erstreckt. Hier haben Wettereinflüsse den Stein zu Hügeln, Kegeln und allerhand Figuren, die unsere Phantasie anregen, geformt. Sehen Sie selbst: Ein Kamel Statue der Jungfrau Maria
Ein Hase Der Kuss

Während der Fahrt klärt Durukan uns über die Geologie des Gebietes auf...


...es ist folgendermassen...

...die höchsten Berge Kappadokiens, der Erciyes, der Hasandagi und der Göllüdagi waren aktive Vulkane, deren Eruptionen vor zehn Millionen Jahren im Miozän begannen und bis vor 2 Millionen Jahren andauerten. Ihre Lavaströme bedeckten das ganze Gebiet mit einer 100 - 150 Meter dicken Tuffschicht verschiedener Härtegrade. Nun bestand diese Schicht aber nicht nur aus Tuff, sondern u.a. auch aus Tuffit, Ignimbrit, Ton, Sandstein und Basalt.

Das Plateau, das durch diese von den Hauptvulkanen ausgeworfenen Substanzen geformt wurde, unterlag durch die weniger heftigen Eruptionen der kleineren Vulkane fortwährenden Veränderungen. Und so hat die Region ihre heutige Gestalt durch die im oberen Pliozän - es begann vor etwa 5,3 Millionen Jahren und endete vor etwa 1,8 Millionen Jahren - beginnende stetige Auswaschung der Tuffschicht erhalten.

Durch das Wasser, das sich stetig von den steilen Hängen herab seinen Weg bahnte, wurde das leichter auswaschbare Gestein der unteren Schichten tief ausgehölt - es entstanden konische Blöcke mit hutförmiger Spitze, eben diese Tuffpyramiden oder türkisch Peribacalari, was überstzt Feenkamine bedeutet.

Nach dem Fotostopp im Devrent Tal fahren wir weiter in Richtung Ürgüp, wo unser Hotel für die nächsten 3 Tage auf uns wartet. Vorher fährt der Bus aber noch ein weiteres Hotel an und hier werden bei einem Zwischenstopp weitere Einzelheiten der Reise bekanntgegeben. So dürfen wir für zusätzliche Mahlzeiten und auf Wunsch für ein All - Inclusiv - Paket später in Alanya rund 100,- € nachzahlen. Die angebotenen Ballonfahrten finden keine Interessenten und für den ebenfalls angebotenen Raki oder Orangensaft wird auch kassiert. Irgendwie bleibt bei uns ein übler Nachgeschmack angesichts dieser zusätzlichen Kosten - nur, es bleibt uns kaum eine Wahl. Denn wie und wo sollen wir essen, wenn ansonsten die ganze Gruppe an den Trog, sprich ans Buffet geführt wird ? Unser Hotel Tassaray in Ürgüp

Und ausserdem wollen wir ja diese paar Tage geniessen und so ist der Ärger schnell vergessen, als wir in Ürgüp gegen 18.00 Uhr an unserem Hotel ankommen und - von Durukan vorbildlich organisiert - einchecken können. Das Hotel Vera Tassaray (links) ist ein 4-Sterne Haus vom Landestyp "Superior First Class Traditional Hotel" mit 189 Zimmern. Unser Zimmer (Pfeil) hat einen kleinen Balkon, aber getrennte Betten und schon im Morgengrauen werden wir vom Muezzin geweckt - es muss so ungefähr 6.00 Uhr sein. Dieser Ausrufer, dessen Ruf heutzutage über Lautsprecher übertragen wird, ist vergleichbar mit dem Läuten der Kirchenglocke durch den Mesner im Christentum; auch er ruft die Gläubigen zum Gebet.

Pünktlich um 19.00 Uhr wartet dann eine grosse Menschentraube vor dem Speisesaal, um sich über das reichhaltige Buffet herzumachen. Das Speisenangebot war sehr reichhaltig und abwechslungsreich, wie überhaupt an allen Tagen dieser Reise.
Am Samstag war grosse Markttag in Ürgüp

Am nächsten Morgen, es ist Samstag, der 11. Oktober, weckt uns nicht nur der Muezzin, sondern auch der Lärm auf einem grossen Platz vor dem Hotel. Was mag los sein ? - Nun, diese Frage ist mit einem Blick durchs Fenster schnell geklärt. Heute ist Markttag und es werden grosse Stände mit ebenso grossen Planen darüber aufgebaut und das geht nicht ohne entsprechende Geräuschkulisse ab. Dazu kommen die Autobusse, die ihre Motoren so lange warm laufen lassen, dass die Abgase schon durchs Fenster in unser Zimmer dringen. So ist an Schlaf nicht mehr zu denken.

Aber zum schlafen sind wir ja auch nicht hierher gekommen und so fährt unser Bus nach dem Frühstück um 9.00 Uhr los. Ab heute haben wir einen neuen Fahrer, der uns mit seinem Bus in den nächsten Tagen fahren wird, bis wir am Montag dann runter zur Küste fahren werden. Vorher hat Durukan aber ein interessantes Besichtigungsprogramm für uns vorbereitet. Und immer wieder Souenirs...

Heute steht u.a. die unterirdische Stadt Derinkuyu auf diesem Programm. Derinkuyu heisst »Tiefer Brunnen«. Es ist folgendermassen - wer Derinkuyu nicht gesehen hat, hat Kappadokien nur zur Hälfte gesehen, meint Durukan und ich glaube, er hat Recht. Derinkuyu befindet sich an der Strasse von Nevshehir nach Nigde und oberirdisch präsentiert sich uns der Ort als ein eher ödes anatolisches Städtchen. Die, die sich nicht in die Tiefe der unterirdischen Stadt trauen, können sich an bunten Souvenirständen und Puppen-verkaufenden Frauen und Kindern erfreuen (links), die ihre Puppen dem Touristen entgegen halten und ihr "Nur 1 Euro" gebetsmühlenartig wiederholen.

Oder sie sehen sich die von einer wuchtigen Mauer umgebene arabische Basilika aus dem Jahr 1858 an. Sie wurde im frühen 20. Jahrhundert von griechischen Christen übernommen und diente nach deren Vertreibung als Mühle und Lagerhaus. Der Glockenturm steht abgetrennt von der Basilika (unten).
Derinkuyu / Basilika

Der grösste Teil der Gruppe traut sich aber unter die Erde und hier folgt erstmal wieder eine genaue Erklärung dieser unterirdischen Stadt durch Durukan (unten links). Es ist folgendermassen - von der Stadt wurden nach ihrer zufälligen Entdeckung 1963 bisher 8 Stockwerke freigelegt. Die oberen Stockwerke dienten wohl als Wohn- und Schlafräume, aber auch Tiere und sogar eine Weinpresse fanden hier Platz.

Nach dem dritten und vierten Stockwerk gelangt man über eine ziemlich steil in die Tiefe führende Treppe zur Kirche mit ihrem kreuzförmigen Grundriss. Bemerkenswert sind die sog. Rollsteintüren, die bei Gefahr von innen vor den Eingang gerollt wurden und somit ein unüberwindbares Hindernis darstellten (unten rechts).

Hier ein Gang durch das unterirdische Derinkuyu:
»Es ist folgendermassen...« Eine solche »Rollsteintür«




Unterirdische Städte - Wunder im Untergrund

Rund 50 unterirdische Städte werden in Kappadokien vermutet, 36 davon wurden bereits entdeckt. Aber nur die wenigsten sind bislang dem Fremdenverkehr zugänglich. Man nimmt an, das bereits in der Hethiterzeit - also vor rund 4.000 Jahren - in Kappadokien die ersten unterirdischen Siedlungen entstanden.

Infolge der Christenverfolgung durch die Römer und im Zuge der Arabereinfälle im 7. Jahrhundert wurden sie als Fluchtstätten über mehrere Stockwerke ausgebaut. Bei Anzeichen von Gefahr zogen sich die Menschen "mit Kind und Kegel, Sack und Pack" teilweise bis zu 6 Monate in diese Unterwelt zurück. Zuletzt noch 1838 vor den ägyptischen Truppen. Zum Verschliessen der Eingänge benutzte man sog. Rollsteintüren.

Zugänglich waren diese unterirdischen Städte durch gut getarnte Höhleneingänge. Ein ausgeklügeltes Belüftungssystem sorgte für Frischluft und es gab Vorratslager für Wein, Öl und Wasser. Um in Zeiten feindlicher Bedrohung zu verhindern, dass die Brunnen vergiftet wurden, besitzen einige davon keine Öfnung an der Erdoberfläche. Noch heute sind rußgeschwärzte Küchen zu sehen. Die Räume haben im Sommer und im Winter eine konstante Temperatur von 7 - 8°.

Eine Felswand mit Taubenschlägen

Nach diesem beeindruckenden Erlebnis zieht die Karawane weiter zu den nächsten Zielen, die Durukan für heute ausgesucht hat. Zunächst gelangen wir zum Taubental, türkisch Güvercin Vadisi. Tauben sind hier in Kappadokien wichtig, der Kot der Tauben wird für die Düngung der Felder verwendet; die Tauben selbst dienen auch als Nahrung.

Die Taubenschläge stammen vom Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts und sind in die Steilhänge der Täler oder die Fassaden der Felsen gemeisselt. Oder man hat Fenster oder Türen der alten Höhlenkirchen zugemauert. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass die Fresken in diesen Kirchen so gut erhalten sind. Einmal im Jahr werden diese Taubenschläge geöffnet, entmistet und wieder zugemauert.

Während der Weiterfahrt zum Liebestal, türkisch Ask Vadisi, informiert uns Durukan über eine weitere Besonderheit der Gegend. Es geht um den längsten Fluss Anatoliens, den sog. »Roten Fluss« - türkisch Kizilirmak - und die Stadt Avanos. Avanos hiess in der Antike Venessa und war schon unter den Hethitern ein Töpferzentrum, woran sich bis heute nichts geändert hat. Hier sind noch über 100 Töpfereien ansässig. Die rote Töpfererde und der Schlamm werden vom Roten Fluss angeschwemmt. Der Burgfelsen von Uchisar Christel vor einem Töpferbaum

Von unserem Parkplatz am Taubental haben wir einen grandiosen Blick auf Uchisar (oben links), dessen gewaltiger Burgfelsen durchlöchert ist wie ein Schweizer Käse. Ob die Krüge an dem Töpferbaum, vor dem Christel posiert, aus Avanos stammen (oben rechts) ? Originelle Dekoration Das »Auge der Fatima«

An jedem Souvenir-stand sieht man Amulette in jeder Grösse, die ein Auge darstellen. Auch dazu gibt es eine Geschichte: Nach altem Volksglauben schützt man sich mit dem Blauen Auge (türkisch Boncuk) vor dem »bösen Blick«, der alles Wertvolle und Schöne gefährdet.

Eine andere Bezeichnung ist auch »Auge der Fatima«, benannt nach der Tochter des Propheten Mohammed. Im türkischen Aberglauben besitzen Menschen mit hellblauen Augen den unheilvollen Blick. Ein ebenfalls »Blaues Auge« soll demnach als Gegenzauber diesen Blick bannen und abwenden.

Jetzt also weiter zum Liebestal, wo auch wieder gewaltige Felsen zu bestaunen sind. Und angesichts dieser phallusartigen Gebilde kommt die Frage auf, ob der Name Liebestal damit zu tun hat (6 Bilder unten).
Im Liebestal Im Liebestal
Im Liebestal Im Liebestal
Im Liebestal

Es wurde gemutmasst, dass der Bayernkönig Ludwig II. sich hier die Anregung für Schloss Neuschwanstein geholt haben könnte (unten rechts). Im Liebestal
Mocca trinkt man aus solch kleinen Tassen

Zum Abschluss des heutigen Tages zeigt Durukan uns ein Restaurant, wo es nach seiner Erfahrung den besten Mokka der Region gibt. Ab ca. 1543 wird Mokka in der Türkei getrunken. Und obwohl ich eigentlich kein Freund dieses türkischen - man kann fast sagen - Nationalgetränks bin, probiere ich einen. Und ändere meine Meinung nicht, im Gegensatz zu Hildegard, die ihn köstlich findet.

En arabisches Sprichwort sagt :

»Ein guter Kaffee muss schwarz wie die Nacht, heiß wie die Liebe und so süss oder bitter wie das Leben sein«!

Zum Mittagessen steuern wir eine frühere Karawanserei in Ürgüp an, in der sich heute ein Restaurant befindet. Eine Karawanserei - türkisch Kervansaray - war früher eine ummauerte Herberge an Karawanenstraßen. Reisende konnten dort mit ihren Tieren und Handelswaren sicher nächtigen und sich mit Lebensmitteln versorgen. Große Karawansereien dienten zugleich als Warenlager und Handelsplatz für Im- und Exportwaren. In dieser alten Karawanserei... ...haben wir zu Mittag gegessen.
Felsen mit Höhlenwohnungen

Auf unserem Weg zurück nach Ürgüp kommen wir nochmal an sehr typischen Felsformationen vorbei. Man erkennt an den Löchern im Gestein, dass hier früher Menschen gewohnt haben (links).

Wir staunen nicht schlecht, als wir sehen, dass dieses sogar heute noch gemacht wird. Ein freundlicher Polizist, ein in Nürnberg geborener Türke, der gerade seinen 6-monatigen Wehrdienst ableistet, bittet uns in die "Polizeiwache" (unten links). Und das ist tatsächlich eine Höhle, die man sich aber sehr wohnlich, ja fast gemütlich eingerichtet hat.

Und an den »Drei Schönen« - eigentlich zeigt mein Bild ja »5 Schöne« - machen wir noch einen kurzen Fotostopp. Die 5 Schönen
Das ist tatsächlich eine Polizeiwache !

Am nächsten Morgen, wir schreiben Sonntag den 12. Oktober, fahren wir um 9.00 Uhr los. Es ist ziemlich frisch, aber wenn man bedenkt, dass unser Ürgüp mit seinen etwa 18.000 Einwohnern auf 1150 Meter Höhe liegt, ist das jetzt so gegen Ende Oktober kein Wunder. Unser Busfahrer steuert zunächst eine Teppichfabrik an - meinten wir.
Die Einführung erfolgte sehr engagiert

Bei den in perfektem Deutsch erfolgten, sehr ausführlichen Erklärungen des Besitzers erfuhren wir allerdings, dass es sich hier um eine Teppichakademie handelt. Und das Teppichknüpfen in der Türkei ein regelrechter Studiengang ist. Dieses Unternehmen ist in Familienbesitz und es wurde sehr betont, dass man hier auf absolute Qualität achtet und keine Massenware produziert. Die Teppiche, die wir zu sehen bekamen, bestätigten diese Aussagen.
Wir sahen wirklich wunderschöne Teppiche
Eine Teppichknüpferin

Bevor Durukan zum Mittagessen bittet, hat er noch ein weiteres Schmankerl auf seiner Liste. Er führt uns nach Cavusin. Das bäuerlich geprägte Dorf breitet sich zu Fusse einer grossen eingestürzten Felswand aus. Das Unglück, das mehrere Tote kostete, ereignete sich 1963. In dem Ort Cavusin... ...sahen wir diese eingestürzte Felswand
Eine kleine Kirche... ...war noch erhalten
...und auch hier Souvenirs, Souvenirs !

Jetzt aber nach Göreme und seinem Freilichtmuseum, neudeutsch Open - Air - Museum. Göreme ist bekannt wegen seiner zahlreichen, aus vulkanischem Tuff herauspräparierten Steilwände und Erdpyramiden, in denen Wohnungen, Kirchen und Klöster ausgehöhlt wurden.

Die meisten Kirchen von Göreme haben ein Kirchenschiff und ein Tonnengewölbe. Diese Höhlenkirchen aus dem 9. bis 13. Jahrhundert, weisen neben byzantinischen auch armenische und syrische Einflüsse auf. Sie zeigen besonders gut erhaltene Wandmalereien in leuchtenden Farben und wurden von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Die Fresken wurden entweder direkt auf die Felswand oder auf die mit einem Gemisch aus Gips, Sand und Stroh verputzte Felswand mit Läppchen oder Pinsel aufgetragen und stellen fast immer Szenen aus der Bibel und Heilige dar.

Ein Blick auf Göreme - der Ort hieß in byzantinischer Zeit Matiana, später Avcilar, zeigt, wie diese Stadt in die Tuffsteinlandschaft hineingebaut wurde.

Das Wort Göreme bedeutet übrigens »Du siehst mich nicht«.

Für uns begann bei sommerlichem Sonnenschein ein wahrer Gewaltmarsch durch das Museum und seine Kirchen.

Durucan erklärt Tokali-Kirche / Der Gekreuzigte


Nach der anstrengenden Tour durch die Kirchen des Freilichtmuseums ging es zurück zum Bus, wo man dann anschliessend Durukan die Gefolgschaft zu einem weiteren Spaziergang verweigerte.

Auf dem Weg zum Bus bummelten wir durch diese von Verkufsständen gesäumte Strasse. Spiessrutenlaufen durch die Reihe der Souvenirstände
Tanz der Derwische

An diesem Abend erwartete uns noch eine besondere Überraschung und zwar ein Folkloreabend. Da gab es dann die übliche Touri - Kost: ausser ziemlich teurem, dafür aber saurem Wein sahen wir einen »Tanz der Derwische« (links), eine rundliche Bauchtänzerin, verschiedene Tanzgruppen in Landestracht und Landestänzen.

In bester Bierzelttradition wurden dazu Zuschauer genötigt, mitzumachen, was zur allgemeinen und lautstark geäusserten Belustigung der Anderen beitrug. Ausserdem trat ein Jongleur auf, der »mit dem Feuer spielte«.

Der Ausdruck Derwisch bezeichnet übrigens einen Angehörigen einer religiösen Ordensgemeinschaft, die für ihre Bescheidenheit und Disziplin bekannt ist. Der ekstatische Trancetanz, der im Mevlevi-Orden der Türkei ausgeübt wird, gilt als eine der körperlichen Methoden, in religiöse Ekstase zu verfallen und mit Allah in Kontakt zu kommen. Ob unsere 4 Derwische sich in Trance getanzt haben, wage ich allerdings zu bezweifeln!

Mein Kommentar - frei nach Heinz Erhard:

Vieles haben wir gesehn, einiges war sogar schön.
Und um 11 gingen wir bebend, aber froh, dass wir noch lebend
heimwärts, legen müd uns nieder. Morgen fahren wir schon wieder !

Für morgen früh - Montag, der 13. Oktober - hat Durukan uns »gebrieft« - es ist folgendermassen: Wecken um 5.45 Uhr, Frühstück ab 6.15 Uhr, Abfahrt nach Antalya um 7.15 Uhr. Immerhin haben wir morgen etwa 680 Kilometer vor der Brust, über Konya und das Taurusgebirge geht es hinunter zur Küste, die hier Riviera genannt wird. Und während dieser langen Fahrt erzählt uns Durukan noch einiges über die geschichtliche Entwicklung seiner Heimat. Christel und ich staunen immer wieder, was dieser Mann alles weiss und wie er dieses Wissen abrufbereit parat hat.

Ich versuche, diese Landesgeschichte in Stichpunkten zusammenzufassen:


  • Bereits aus prähistorischer Zeit mit dem Paläolithikum und Neolithikum werden Stein-Werkzeuge sowie tierische und menschliche Knochen in Anatolien nachgewiesen.
  • Während der Bronzezeit besiedelten die Proto-Hethiter (ab 3000 v.Chr.) und die Hethiter (1900-1200 v.Chr.) das Gebiet der Zentral-Türkei. Das Reich der Hethiter endete aus noch immer ungeklärten Gründen. Es werden sowohl Invasionen als auch Bürgerkriege und Hungersnöte diskutiert. Die hethitische Kultur überlebte jedoch bis um 700 v. Chr. in diversen Kleinstaaten in Ostanatolien. In diese Zeit fällt wahrscheinlich auch die Zerstörung der westanatolischen Stadt Troja.
  • Das späthethitische Reich (1200-700 v.Chr.) endete durch die Zerstörung fast aller bedeutender Städte Anatoliens durch die Phrygier und es entstanden kleine Reiche im zentralen und im südöstlichen Anatolien (Spät-Hethitische Fürstentümer).
  • In der Eisenzeit und der Antike errichteten die Phryger unter ihrem König Midas ein Reich, das im 9. und 8. Jahrhundert v. Chr. Anatolien beherrschte.
  • Um 700 v. Chr. begann die hellenische Besiedlung entlang der anatolischen Ägäisküste (Ionien) mit Koloniestädten wie Milet, Ephesos und Priene. Zur gleichen Zeit besiedelten noch andere Völker Anatolien (Kimmerer).
  • Von der Mitte des 6. Jahrhunderts bis 333 v. Chr. (Schlacht bei Issos) herrschten die Perser über weite Teile Kleinasiens, bis Alexander der Große sie besiegte und das Alexanderreich errichtete.
  • Zwischen 332 v.Chr. und 17 n.Chr. bestand das Kappadokische Königreich.
  • Die Herrschaft des Römischen Reiches hielt bis ins 4. Jahrhundert n.Chr.(17 v.Chr.-395 n.Chr).
  • Die Byzantinische Zeit (397-1071) - mit der Zweiteilung des Römischen Reiches geriet Anatolien unter den Einfluss von Byzanz. Das Byzantinische Reich hielt sich bis zur Eroberung seiner Hauptstadt Konstantinopel durch die Osmanen im Jahre 1453.
  • Die Seldschukische Zeit (1071-1299 n.Chr.) Die Seldschuken waren eine islamisierte türkische Dynastie aus Transoxanien (im heutigen Usbekistan). Sie fielen in Kleinasien ein und schlugen die byzantinische Armee in der Schlacht von Mantzikert (1071 n.Chr.) vernichtend. Daraufhin eroberten sie große Gebiete Ost- und Mittelanatoliens. Die Seldschuken hatten um 1230 ihre Blütezeit.
  • Um 1299 begründete Osman I.(1259-1326) das nach ihm benannte Osmanische Reich. Seine Nachfolger erkämpften in blutigen Fehden gegen die anderen türkischen Stämme die Vorherrschaft. Das Osmanische Reich bestand bis zum 1. November 1922.
  • Nachdem alle ausländischen Kräfte aus Anatolien vertrieben wurden, rief Mustafa Kemal - später nur Atatürk genannt - am 29. Oktober 1923 die Republik aus und verlegte die Hauptstadt nach Ankara.
  • Die Türkei ist mit 814.000 qkm etwas mehr als 2-mal so groß, wie Deutschland (357.000 qkm), hat aber nur 70 Mio. Einwohner (Deutschland 82 Mio.).

Alle diese Informationen erhalten wir, während unser Bus über Aksaray durch die weite und fruchtbare Konya - Ebene Richtung Konya fährt. Dabei habe ich noch nicht erwähnt,

Zuckerrüben ohne Ende !

- dass für die Türken Anatolien ihr Mutterland ist. Wörtlich heisst die Übersetzung »Land der vielen Mütter«.

- dass die Türkei eines von 7 Selbsternährungsländer der Welt ist. Besonders die Konya-Ebene, durch die wir fahren, ist, wie erwähnt, sehr fruchtbar. Die lange Reihe der LKW mit den Zuckerrüben, die vor einer der 27 Zuckerfabriken des Landes warten, legen beredtes Zeugnis davon ab.

- dass die Türkei der weltweit drittgrösste Hersteller von Textilien ist.

Gegen 10.00 Uhr kommt vor uns das Taurusgebirge in Sicht. Dessen höchste Gipfel erreichen 3.700 Meter, unser Pass »nur« 1.800 Meter. Es ist ein über 1000 km langes System von Gebirgsketten und beginnt im Süden der Türkei, wo es in grossen Teilen der Mittelmeer - Küste folgt. Deshalb wird dieser Teil der türkischen Küste Riviera genannt, weil es eine sonnige und für Urlauber besonders interessante Region ist. Die Strassenbahn ist ein Geschenk der Stadt Köln

Gegen 11.00 Uhr erreichen wir Konya, das wohl schon in phrygischer Zeit gegründet worden ist, also im 9./8. Jahrhundert v.Chr. Denn bei Ausgrabungen im Zentrum der Stadt wurden Funde gemacht, die dem phrygischen Kunsthandwerk ähneln.

Seit 1992 verfügt Konya über ein aus zwei Linien bestehendes Straßenbahnnetz, welches mit von der Partnerstadt Köln geschenkten Gebrauchtwagen betrieben wird (rechts).

Nach einer abenteuerlichen Fahrt durch ein Industriegebiet, in dem viel gebaut wurde und die Strassen eher Feldwegen glichen, erreichen wir die frühere Karawanserei »Zum Gockel« - türkisch HOROZLUHAN - wo ein schmackhaftes Mittagessen auf uns wartete - diesmal kein Buffet, sondern mit freundlicher Bedienung.

Die Karawanserei hatte beträchtliche Ausmasse Das Mittagessen war wieder sehr lecker

Schnell verging der letzte Teil dieser Busfahrt und gegen 15.30 sehen wir zum ersten mal das Mittelmeer weit unten vor uns und auf uns wartend. Aber bevor wir Antalya erreichen, gibt es noch einen Stopp am besterhaltenen römischen Amphitheater der Türkei und zwar beim Aspendostheater.

Vermutlich wurde der Bau im 2. Jahrhundert n. Chr. zur Zeit des Antoninus Pius (138161) oder Mark Aurel (161180) errichtet. Die Cavea umfasst 39 Sitzreihen, die durch einen Zwischengang (Diazoma) geteilt werden, und bietet 20.000 Zuschauern Platz. Da die Seldschuken das Theater im Mittelalter als Karawanserei nutzten, wurde es fortwährend repariert und nach Erdbeben wiederhergerichtet. Dieses erklärt den guten Erhaltungszustand im Vergleich zu den Gebäuden der Umgebung.

Ei,Ei,Ei... ...wer steht... ...denn da ?

Unser Hotel für 1 Nacht in Antalya (unten) und unser Fahrer (rechts): Unser GRIDA - City Hotel Der stolze Fahrer vor seinem Bus
Endlich mal ein Bild von Durukan

Das Einchecken um 18.00 Uhr hat Durukan wieder gut vorbereitet, was bei einer Gruppe von 33 Personen wichtig ist. Unser Zimmer gefällt uns zwar von der Ausstattung her gut, es geht aber zur stark befahrenen Hauptstrasse. Und das bedeutet, dass wir sehr unruhig schlafen werden, denn der Verkehrslärm brandet die ganze Nacht zu uns herauf.

Am nächsten Tag, Dienstag, den 14. Oktober fahren wir um 10.00 Uhr zunächst in die Stadt und haben Gelegenheit zu einem kurzen Stadtbummel. Danach starten wir zu einer Stadtrundfahrt, bei der wir viel über die Stadt erfahren.

Antalya ist Hauptort der fruchtbaren Küstenebene im Süden Kleinasiens, die seit antiker Zeit als Pamphylien bezeichnet wird. In der ländlich geprägten Umgebung Antalyas ist der Obst- und Gemüseanbau von Bedeutung, besonders Zitrusfrüchte. Heute wird die Gegend wegen der langen Sandstrände auch »Türkische Riviera« genannt.
Es ist folgendermassen... Blick in eine Altstadtstrasse in Antalya
Die »Yivli-Minare-Moschee« mit ihren kanellierten Minarett

Antalya wurde wahrscheinlich schon 158 v. Chr. von König Attalos II. (220-138 v. Chr./König von Pergamon)gegründet. Nach ihm erhielt sie den Namen Attaleia. Als bedeutendster Hafen der weiteren Umgebung war sie im 1. Jahrhundert nach Christus, vermutlich um das Jahr 48 n. Chr. Reisestation des biblischen Apostels Paulus (Apostelgeschichte 14,25f).

Die Stadt wurde nacheinander von Römern, Byzantinern und Seldschuken beherrscht. In byzantinischer Zeit war Antalya ein wichtiges Zentrum des Christentums. Die Stadt kam im 14. Jahrhundert unter osmanische Herrschaft.

Die Partnerschaft mit der Stadt Nürnberg bescherte Antalya - ähnlich wie Konya - eine Strassenbahnlinie. Die wird zwar mit gebrauchten Fahrzeugen betrieben, funktioniert aber wohl! Mietshaus mit Kaminen auf jedem Balkon

Durukan erwähnt, dass die Gebeine des Heiligen Nikolaus (280/286-345/351) - der in der Nähe des heutigen Antalya geboren wurde - sich in einem Museum in Antalya befinden sollen. Das habe ich so nicht eruieren können. Vielmehr sollen italienische Kaufleute aus Bari die Gebeine des Heiligen Nikolaus in ihre Heimat überführt haben, wo sie am 9. Mai 1087 eintrafen. Fortan wurde Bari zur Pilgerstätte des St.-Nikolaus-Kultes.

Mehr in der türkischen Gegenwart ist man mit einer anderen Tatsache. Es ist folgendermassen - türkische Familien brauchen jede Woche mindestens einen Grilltag und so findet man sogar in städtischen Hochhäusern offene Kamine auf vielen Balkonen (rechts).

Und Sekundenzähler an den Ampeln, die die Auto- oder Motorradfahrer informieren, wann ihre Ampel umschaltet. Das hat zu einer merklichen Reduzierung der Verkehrsunfälle geführt. Interessant auch die Bemerkung, dass es in der Türkei praktisch keine richtige Mittelschicht gibt. Die Gesellschaft teilt sich vielmehr auf in Reiche, weniger Reiche und Arme - laut Durukan.

Nach der interessanten Stadtrundfahrt ging es dann zur letzten Etappe nach Alanya, wo wir gegen 18.00 Uhr in unserem 5-Sterne Hotel Galerie einchecken. Und gleich ein rotes Bändchen ums Handgelenk bekommen von wegen »all inclusive«. 5-Sterne Hotel Galerie Zimmer mit Meerblick

Nach den eher anstrengenden Tagen in Kappadokien konnten wir jetzt noch 2 Tage richtig entspannen. Was wir ausgiebig durch Faulenzen und Lesen am Strand oder netten Gesprächen mit Hildegard und Herbert aus Aurich taten. Dabei liessen wir uns natürlich das gute Essen und den Raki, das Bier oder den Wein schmecken.

Und wir gönnten uns ein »türkisches Bad«, ein sog. Hamam, mit anschliessendem Peeling. Das reinigt die Haut durch Reiben mit der sogenannten Kese, einem rauhen Handschuh aus Wildseide. Die darauf folgende Ganzkörpermassage und eine Gesichtsmaske machten die Sache »rund«. Wir können dieses Bad mit gutem Gewissen weiter empfehlen, wenn es auch natürlich nicht im all - inclusive - Paket enthalten war. Bei 27° konnten wir noch am Strand liegen Mit Hildegard und Herbert verstanden wir uns sehr gut

Aber dann hiess es Abschied nehmen von Alanya und von der Türkei. Unser Flieger startete in Antalya und nach einem Flug mit einigen Turbulenzen - Bitte anschnallen ! - landeten wir sicher wieder am FMO. Wo Christiane schon wartete und uns nach Hause chauffierte.

Wir kehrten von dieser Studienreise, die durchaus auch anstrengend war, mit vielen neuen Eindrücken, schönen Erlebnissen und neuen Bekannten nach Hause zurück.