Romanik3

Strasse der Romanik / III.

Im August 2010

Autor: Klaus Donndorf

ROMANIK - der Zeitraum zwischen etwa 950 und 1250 - bezeichnet eine Zeit der Christianisierung der slawischen Völker, die verbunden war mit einer Machtausweitung des sächsischen Königshauses der Ottonen nach Osten. Es war eine Zeit glanzvoller Reichstage, sowie vieler Klostergründungen und Kirchenbauten.

Das Bundesland Sachsen - Anhalt besitzt eine große Zahl dieser romanischen Baudenkmäler und Kunstwerke. Und die Strasse der Romanik - die sich wie eine 8 durch das Land schlängelt - führt zu diesen "Objekten". Wir wollten auf unserer dritten Reise die Orte der Nordroute kennenlernen.

Von Osterwiek - dem westlichsten Ort - führte uns diese Reise über Magdeburg - Salzwedel - Havelberg nach Jerichow. Wobei wir uns Tangermünde als Standquartier ausgesucht hatten. Stadt und Hotel kannte ich von meinen beiden Elbe - Radtouren.

Osterwiek ist eine kleine Stadt mit etwa 12.000 Einwohnern; sie liegt im nördlichen Harzvorland, östlich von Goslar. Der Ort hieß einst Seligenstadt, wird später dann "gemeiniglich Asterwiek" genannt. Er wird erstmals erwähnt, als Karl der Große im Jahr 780 bei seinen Feldzügen gegen die heidnischen Sachsen die Oker überschritt und "an dem Orte Salingenstede" eine Kirche gründete.

Diese Kirche, ein Holzbau, wird 913 durch einen Steinbau ersetzt, von dem wahr-scheinlich noch das mächtige und eindeutig der Romanik zuzuordnende Westwerk mit der Doppelturmfassade (links) stammt, das sich uns heute darbietet .

Das kleine rundbogige Westportal mit seinem dreifach abgestuften Gewände wird heute nicht mehr als Eingang benutzt, sondern ein Portal an der Südseite (rechts). Gleich beim Betreten der Kirche fällt uns ein bronzenes Taufbecken auf (unten links), das noch von der Ausstattung des Vorgängerbaus stammt - also aus dem 13. Jahrhundert. So informiert uns ein Mitarbeiter, der hier "Wache schiebt". Der äusserlich mit drei horizontalen Ornamentbändern verzierte Kessel erhebt sich über 4 hockende Träger.

Betritt man die Kirche, so öffnet sich ein dreischiffiger, fünfjochiger Hallenraum (rechts), mit drei fast gleich hohen Schiffen und einem Kreuzrippengewölbe mit schönen Schlußsteinen (unten). Die achteckigen Pfeiler sind aus Sandstein.



Rechts die Renaissancekanzel mit dem Heiligen Stephanus unter dem Kanzelkorb.

An der Nord- und der Westempore sind bildliche Darstellungen aus dem Alten- und dem Neuen Testament zu sehen (links). In der Mitte das spätgotische Altarretabel (unten).

Osterwieck besitzt liebevoll renovierte Fachwerkhäuser. Einige davon stehen direkt neben der Kirche.

Auf dem Huy, einem etwa 20 Kilometer langen, bewaldeten Höhenrückem nördlich von Halberstadt, befindet sich unser nächstes Ziel, das Benediktinerkloster Huysburg mit der Klosterkirche St. Maria. Es ist auch eine dreischiffige Basilika, die zwischen 1084 und 1121 - dem Jahr ihrer Weihe - entstanden ist (2 Bilder unten). Rechts ist der einfache (sächsische) Stützenwechsel zu erkennen, wobei von Pfeiler zu Pfeiler sog. Blendbögen übergreifen.

Hatte es auf der Fahrt über die A 2 schon teilweise heftig geschüttet, kamen jetzt noch zum Teil schlechte Strassen dazu - besonders in Dingelstedt am Huy. Hier scheinen die Strassen - genau wie viele Häuser - noch vom Ende des 19. Jahrhunderts zu stammen, als man überwiegend mit Pferd und Wagen unterwegs war!

Schließlich erreichen wir aber doch Hamersleben und hier interessierte uns die ehemalige Stiftskirche St. Pankratius, die "zu den bedeutendsten hochromanischen Basiliken Deutschlands gehört" - so unser Reiseführer.

Die dreischiffige Säulenbasilika des vermutlich 1107 gegründeten Augustiner - Chorherrenstifts St. Pankratius (1107 in Osterwieck gegründet und etwa um 1112 nach Hamersleben verlegt) ist ein bedeutendes Beispiel der Hirsauer Schule im Vorharzgebiet.

Der Hauptzugang (unten links) besitzt ein Tympanon, das zwei Drachen zeigt, die vergeblich versuchen, Blattranken zu verschlingen.

Die Löwen im Tympanon des Portals im südlichen Querhaus scheinen diesen Eingang zu bewachen (unten rechts).

Besonders beeindruckend fanden wir die fein herausgearbeiteten Kapitelle, die "zu den bemerkens-wertesten romanischen Bauskulpturen Deutschlands zählen", informiert unser Reiseführer (3 Bilder unten).

Wobei sowohl die Qualität der Verzierungen, als auch deren unglaubliche Vielfalt erwähnt werden.

Diese Darstellungen laden geradezu zu längerem Betrachten ein (unten)!


Das obige linke Bild zeigt den Blick zum Chorus Minor (bis zur Vierung), dem Chorus Major mit dem Chorgestühl (die Vierung selbst) und den barocken mehrgeschossigen Altar, der die romanische Apsis vollständig verdeckt.

Oben rechts ist das reich verzierte Altarziborium zu sehen. Das ist ein aufgemauerter Steinaltar mit einem von Säulen getragenen, baldachinartigen Aufbau. Es stammt vom Anfang dem 13. Jahrhunderts und ist eines der ältesten seiner Art in Deutschland.

Unser Besichtigungsprogramm sah als nächstes Ziel die Landeshauptstadt Magdeburg vor. Da wir den Dom schon auf unseren beiden vorherigen Reisen besucht hatten, standen diesmal drei andere, aber ebenso sehenswerte Kirchen auf dem Programm.

Das ehemalige Kloster Unser lieben Frauen (rechts) findet man in Sichtweite des Domes. Das Gebäudeensemble zählt zu den bedeutendsten romanischen Anlagen in Deutschland, obwohl im 16. und 17. Jahrhundert auch gotische Umbauten erfolgten. Heute werden die Gebäude als städtisches Kunstmuseum und als Konzerthalle genutzt.

Das Kloster wurde um 1015 bis 1018 durch den Magdeburger Erzbischof Gero als Kollegiatstift gegründet und mit Chorherren besetzt. Ein von Erzbischof Werner (1064-78) begonnener und von Erzbischof Norbert vollendeter Neubau wurde ab 1129 Heimat für Mönche des Prämonstratenserordens. Dieser Orden hielt sich hier fast 500 Jahre und machte das Kloster zum Zentrum der sächsischen Provinz des Ordens - mit 16 Niederlassungen !

Das Kloster von Südosten gesehen (unten). Rechts ein Blick in das Langhaus. Das Langhaus verlor nach einem Brand im Jahr 1188 seinen ursprünglichen Stützenwechsel - Pfeiler / 3 Säulen / Pfeiler.


Nach dem Brand von 1188 wurden die Säulen entweder ersetzt oder mit einem Mantel umgeben, sodass heute nur noch zwei der damaligen quadratischen Säulen sichtbar sind (oben links). Die "Hochsäulige Kapelle" (oben rechts) wurde schon um 1129 an den Chor angebaut. Sie war ursprünglich tonnengewölbt, ihr heutiges Kreuzgratgewölbe erhielt sie 1188. Das Bild oben in der Mitte zeigt ein Detail an der Eingangspforte des Klosters. Der Türgriff stammt von Heinrich Apel (she. weiter unten).

Sehenswert sind der komplett erhaltene, vierflügelige Kreuzgang mit seinen Kreuzgratgewölben (links) und dem Brunnenhaus. Das ist in Deutschland einmalig! Unten ein Blick in die unter dem Chor liegende dreischiffige Krypta, mit ihrem niedrigen, kuppeligen Kreuzgratgewölbe. Die Säulen sind zum Teil aus Sandstein, zum Teil aus Granit oder Rübeländer Marmor. Im Harzer Rübeland haben Mönche den »Rübeländer Marmor« gebrochen und verarbeitet.

Nur ein paar hundert Meter, quer über den Domplatz und am Dom vorbei (unten links) und schon stehen wir vor St. Sebastian (unten rechts), einer 1169 geweihten, ehemalig dreischiffigen romanischen Basilika. Das Westwerk besteht aus einer mit Lisenen gegliederten Doppelturmfassade mit barocken Zwiebelhauben aus dem 17. Jahrhundert und einem kleinen Rundbogenportal mit zweifach getreppten Gewände und einer szenenreichen Bronzetür (2. Reihe unten links). Nach Umbauten im 14. und 15. Jahrhundert weisen Langhaus und Chor der Kirche viele gotische Stilmerkmale auf. Im Innern fallen uns die verschieden geformten Pfeiler auf (2. Reihe unten rechts)


Jetzt zurück zu unserem Auto - wir hatten uns für das Cabrio entschieden, weil das Wetter ab Donnerstag "offen fahren" versprach - und schnell zum letzten "Objekt" für heute. Das sollte die St. Petri - Kirche sein.


Während man am mächtigen Turm des Westwerkes deutlich die romanischen, rundbogigen Schallöffnugen erkennt, ist die Südseite mit ihren fünf Zwerchgiebeln im gotischen Stil mit Spitzbogenfenstern zu erkennen (oben rechts).

Das Innere der Kirche ist weitgehend modern eingerichtet (links). Hier findet man Spuren des 1935 geborenen Magdeburger Bildhauers Heinrich Apel (Altar, Osterleuchter und Taufstein).

Unser vorgebuchtes Altstadthotel in Haldensleben, Jakobstr. 8, Tel. 03904 / 6685582 erreichen wir um 18.20 Uhr, ein einfaches, aber sauberes Hotel mit riesigen Portionen zum Abendessen. Bevor wir die aber geniessen, machen wir einen Stadtrundgang, denn der Ort hat einiges zu bieten. Besonders sehenswert ist der in Europa einzigartige "Reitende Roland" vor dem klassizistischen Rathaus. Ausserdem steht dort der "Breite Stein", ein vermutlich historisch zu Gerichtszwecken eingesetzter Stein (links).

Weitere Sehenswürdigkeiten sind der "Bülstringer Torturm" (rechts) als Teil der fast vollständig erhaltenen Stadtmauer und das "Kühnsche Haus", ein prachtvoller Fachwerkbau von 1592 (unten links). Weiter das "Templerhaus" von 1553, das älteste erhaltene Bauwerk der Stadt. Es war im 13. bis 14. Jahrhundert Stadthof der Tempelritter (unten rechts).

966 wird Haldensleben erstmals urkundlich erwähnt und zwar als „haldeslevo“ in einer Urkunde Kaiser Otto I.. Schon 1150 verleiht Heinrich der Löwe der Stadt das Stadtrecht, 1541 wird die Reformation eingeführt, 1636 fordert die Pest über 2000 Opfer und 1661 vernichtete ein Großbrand 60 Häuser. Eine lange und bewegte Geschichte.

Der heutige Mittwoch, der 18. August, beginnt mit einem Besuch der Klosterkirche in Groß Ammensleben. Die Kirche war zwar verschlossen, aber mit etwas telefonieren können wir eine Dame auftreiben, die uns eine exklusive Führung durch die Kirche und über das ehemalige Klostergelände ermöglicht.

Dabei erfuhren wir, daß das Kloster schon 1120 gegründet und den Aposteln Peter und Paul gewidmet wurde. Der holzgeschnitzte Hochaltar stammt aus dem Jahr 1769. Die vier Heiligenfiguren am Altar zeigen die Apostel Petrus und Paulus, sowie den heiligen Benedikt von Nursia (links) mit dem Kelch mit der Schlange und seine Schwester Scholastika.

Das Bild rechts zeigt das "Schwarze Brett" der Mönche. Hier wurden ihre täglichen Verrichtungen "veröffentlicht", so kannte jeder seine Aufgaben.

Nach der Säkularisation 1804 wurde das Klostergelände einem reichen Bauern übereignet, die Klostergebäude verfielen nach und nach.
Benedikt von Nursia

Der Heilige Benedikt wurde um 480 in Nursia, dem heutigen Norcia in Umbrien in Italien geboren und starb am 21. März 547 (oder gegen 560 [?]) im Kloster Montecassino in Italien. Er wird „Vater des abendländischen Mönchtums” genannt.

Benedetto wurde mit seiner Zwillingsschwester Scholastika als Sohn einer vornehmen Familie geboren und schon als Knabe mit seiner Amme nach Rom zur Ausbildung geschickt, wo er auch studierte. Entsetzt vom Leben in der Stadt, das von Verfall gekennzeichnet war - der Kaiserhof war bereits nach Konstantinopel umgezogen, kirchlich, politisch, wirtschaftlich, kulturell und auch moralisch lag Rom darnieder - schloss Benedetto sich einer asketischen Gemeinschaft an, dann zog er sich in eine unbewohnte Gegend im Aniotal nahe Subiaco zurück.

Benedettos Ruf als Heiliger wuchs, viele Menschen kamen, um ihn zu sehen. Die Mönche von Vicovaro bei Tivoli luden ihn ein und wählten ihn zum Abt ihrer Gemeinschaft. Als sich die Mönche nicht mit seinen Regeln einverstanden erklärten, versuchten sie ihn mit vergiftetem Wein umzubringen. Doch das Gift entwich nach der Legende als Schlange aus dem Kelch, den sie ihm reichten, und das Gefäß zerbrach, als er das Kreuzzeichen darüber machte.

Benedetto verließ die Gruppe und kehrte ins Aniotal als Vorsteher in einer Eremitengemeinschaft in Subiaco zurück.


Auf unserem weiteren Weg nach Salzwedel, wo wir heute übernachten werden, kommen wir nach Hillersleben. Hier wollen wir uns die Klosterkirche St. Laurentius, St. Stephanus und St. Petrus ansehen - gleich drei Heilige hat man als Schutzpatrone !

Die Gründung des Benediktinernonnenklosters Hillersleben fällt vermutlich in die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts. Die Bezeichnung Hildesleve für den Ort wird erstmalig Anfang des 11. Jahrhunderts mit Bezug auf das Kloster erwähnt. Später zogen hier Ilsenburger Mönche ein.

Das Kloster hat eine sehr wechselvolle Baugeschichte. 1179 völlig zerstört und wieder aufgebaut, im 16. Jahrhundert erneuter Neubau und 1811 stürzt der Turm ein. Was zu einer romanisierenden Erneuerung zwischen 1859 und 1880 führt. Von der ersten Kirche blieben so nur noch wenige Teile des hochromanischen Kernbaues erhalten.

Gegen Mittag erreichen wir Gardelegen und legen hier eine kurze Rast bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Pflaumenstreusel ein. Auch Gardelegen hat als ehemalige Hansestadt einen Roland (links).

Bei meiner Recherche im Internet lese ich aber über ein grausames Verbrechen, das deutsche KZ-Wachmannschaften, Luftwaffensoldaten und Angehörige des Reichsarbeitsdienst begangen haben. Am 13. April 1945 wurden in der etwas außerhalb der Stadt gelegenen "Isenschnibber Feldscheune" 1016 KZ-Häftlinge von ihnen ermordet. Besonders schlimm ist, dass die Hauptverantwortlichen untertauchen und als "geachtete Bürger" weiter leben konnten.


Durch das Salzwedeler Tor (links) mit dem "Torwächter" - einer grossen Holzfigur - verlassen wir Gardelegen und sehen uns die kleine Dorfkirche in Wiepke an, was leider nur von aussen möglich war (unten). Diese spätromanische Feldsteinkirche stammt aus dem 12. Jahrhundert. Man sieht das ziemlich kurze Schiff, den eingezogenen, quadratischen Chor und den Westquerturm mit einem Satteldach mit Schallöffnungen und einem hohen Dachreiter.

Bevor wir Engersen erreichen, entdecken wir in dem kleinen Örtchen Jeeben eine Feldsteinkirche (links), die in unserem offiziellen Reiseführer nicht erwähnt ist. An ihrer Südseite ist dieses wunderschöne Rundbogenportal zu sehen (unten).

So kann man davon ausgehen, dass noch eine ganze Reihe weiterer "Kleinode" hier in Sachsen-Anhalt der Entdeckung harren.

Die Kirche in Engersen (links) entstand im 13. Jahrhundert im Stil der Spätromanik. In den letzten Jahrhunderten hat die aus Feldbausteinen flach gedeckte Dorfkirche mit eingezogenem Chor und Westquerturm immer mehr ihrer spätromanischen Bestandteile verloren. In den Jahren 1738 - 1745 und ebenfalls 1877 wurde sie restauriert.

Unsere Fahrt führt uns weiter über die B 73 gen Norden, dann in westlicher Richtung über Beetzendorf nach Rohrberg, wo uns die nächste Dorfkirche erwartet (rechts). Christel meint ja, die sehen sich so ähnlich, dass es nicht lohnt, alle zu fotographieren - ich mache es trotzdem. Weil ich finde, diese Kirchen haben so viel Charme, erzählen jede für sich eine Geschichte und ihretwegen machen wir doch diese Fahrten!

Rohrberg wurde erstmals 1212 als "Rorberge" urkundlich erwähnt, ist aber bereits eher gegründet worden, denn die Feldsteinkirche wurde um das Jahr 1175 gebaut. Der Taufkessel stammt aus romanischer Zeit, eine Glocke aus dem Jahr 1327 ist eine der ältesten Bronzeglocken des Altmarkkreises Salzwedel. Es war nur schade, dass wir auch in diese Kirche nicht hinein konnten.

So, jetzt stand nur noch eine Kirche auf unserem heutigen Programm, bevor wir Salzwedel und dort unser Hotel erreichten und das war die Klosterkirche Marienwerder in Diesdorf (links). Auch diese Kirche hat keine offiziellen Öffnungszeiten, aber diesmal haben wir den Pastor, Herrn Gotthold Hofmüller über unser Handy angerufen und der war froh, die Arbeit an seiner Sonntagspredigt unterbrechen zu können. So kamen wir in den Genuss einer exklusiven und sehr interessanten Führung.

Diese ehemalige Kirche des Klosters Marienwerder - ein zunächst für Chorherren bestimmtes Augustinerstift, das etwa ab 1200 für Chorfrauen eingerichtet wurde - ist eines der am besten erhaltenen Bauwerke aus romanischer Zeit in Sachsen - Anhalt. Das Stift wurde 1538 reformiert und 1551 in ein evangelisches Damenstift umgewandelt.

Die dreischiffige Basilika (oben rechts) ist aus Backsteinen gebaut, rundbogige Fenster stellen den Bezug zur Romanik her. Das beeindruckende Äussere des Gebäudes zeigt sparsam verwendete Schmuckformen - Lisenen, dazu Zickzack- und Kreuzbogenfriese mit "deutschem Band" unter den Dachtraufen fallen uns auf (links). Und wieder diese fein herausgearbeiteten Kapitelle (rechts). Auch ein "Heiliges Grab" bekommen wir zu sehen.

Diese Kirche ist ein Beispiel dafür, dass es zu DDR - Zeiten auf persönliches Engagement ankam, ob eine Kirche verfiel oder erhalten wurde - erklärt uns Herr Hofmüller!

Hier in Diesdorf hatte es leicht zu regnen angefangen und der Regen begleitet uns auch noch bis zu unserem Hotel in Salzwedel, dem Union - Hotel, Goethestr. 11, Tel. 03901/422097 (links). Wir können dem Motto dieses sehr geschmackvoll restaurierten Hotels zustimmen, das da heißt: "Sie werden sich wohlfühlen". Ein geräumiges Zimmer und Bad, gute Küche (Heringsstip mit Bratkartoffeln) und ein ausgiebiges Früh-stück am Morgen in der gemütlichen Gaststube (rechts) trugen dazu bei - unser Urteil also:

sehr zu empfehlen!

Etwas Salzwedeler Geschichte

Seit dem Jahr 800 ist eine Siedlung an der Stelle der heutigen Stadt bekannt, die sich in Nachbarschaft einer Burg, der Burg Salzwedel (Soltwidele), befand.

Salzwedel führt seine Stadtgründung auf Albrecht den Bären (1100–70) aus dem Hause der Askanier zurück, der zeitweilig auf der Burg Salzwedel lebte; die erste Bezeichnung als „Stadt“ datiert aus dem Jahre 1233.

Die Reformation fasste in Salzwedel 1541 Fuß. Der Dreißigjährige Krieg brachte die Stadt durch die Einquartierung fremder Truppen an den Rand des Ruins, ohne dass sie belagert wurde.

Die Erste Salzwedeler Baumkuchen-Fabrik gründete sich hier bereits 1808 und wurde 1865 „Königlicher Hoflieferant“. 1958 zur DDR-Zeit enteignet, die Inhaberin mit 72 Jahren zu zwei Jahren Haft verurteilt - sie soll "durch den Versand des Baumkuchens in die Bundesrepublik der DDR-Bevölkerung wertvolle Rohstoffe entzogen zu haben" - erfolgte 1990 die Rückgabe des enteigneten Unternehmens.



Links das ehemalige Altstädter Rathaus vom Anfang des 16. Jahrhunderts. Der Backsteinbau ist an seinen Staffelgiebeln, teils mit heraldischem Schmuck, zu erkennen. Rechts daneben die Lorenzkirche - ebenfalls ein Backsteinbau - stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts und war ursprünglich eine dreischiffige Basilika. Auffällig sind ihre großen Kreisblenden im Giebel (unten rechts).

In der Übergangszeit von der Romanik zur Gotik entstanden, wurde die Kirche ab 1692 als Salzlager benutzt. Ihr südlich gelegenes Seitenschiff und der Turm wurden entfernt. Der mittig abgebildete Türgriff stellt den heiligen Laurentius auf einem Feuerrost dar, auf dem er gefoltert wurde, weil er seiner Religion nicht abschwören wollte. Der Überlieferung nach sagte er vor seinem Tod zu Kaiser Valerian, der der Marter beiwohnte: "Auf dieser Seite bin ich geröstet, dreh mich um und dann iss!"

Am nächsten Tag, Donnerstag, den 19. August, führt unsere Fahrt über die B 190 nach Osten. Erstes Ziel soll Arendsee und dort die Klosterkirche sein. Aber an einem Abzweig in Binde sehen wir links eine kleine Feldsteinkirche, die in unserem Verzeichnis auch nicht erscheint, aber aus dem 12. Jahrhunder stammt und somit eindeutig romanisch ist. Also anhalten und schnell ein Foto "schiessen" (links).

Vom ehemaligen Benediktinernonnenkloster in Arendsee (Gründung 1183) - "eine dornröschenhaft versteckte Schönheit" - ist es vor allem die den Heiligen Maria, Johannes und Nikolaus geweihte Kirche, die noch heute Einblicke in die romanische Baukunst geben kann. Baubeginn war 1185 und schon 1208 fand die Weihe statt. Die letzte Bauphase dauerte bis etwa 1235/40 und in dieser romanischen Form blieb die kreuzförmige Pfeiler-basilika bis heut im Wesentlichen erhalten.


Das äußere Erscheinungsbild der dreischiffigen Backsteinkirche wird vor allem durch die Südseite des Langhauses bestimmt (oben links). Über dem Rundbogenportal in einem tiefen, übergiebelten Mauervorsprung ist ein breiter Rautenfries zu erkennen.

Die Ostapsis (links) wir durch Lisenen dreigeteilt und ihren oberen Abschluss bilden zwei Zahnschnittbänder und ein Kreusbogenfries (unten).

Nach dem etwas abgelegenen Beuster zu gelangen war mit einigen Orientierungsschwierigkeiten verbunden. Aber die sind bekanntlich dazu da, um überwunden zu werden und so fanden wir Ort und Kirche schließlich doch. Aber nur um zu erfahren, dass der gesamte Innenraum dieser dreischiffigen Pfeilerbasilika eine einzige Baustelle war. Ein junger Mann, der hier einen 1 - € - Job versah, hat uns einiges in und zu der Kirche erklärt, u.a., dass hier im Moment ein sog. "Opferputz" auf die Wände aufgetragen wird. Was versteht man darunter?

"Opferputz - auch Opferschicht - ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für ein traditionelles handwerkliches Verfahren zum Schutz von Mauerwerk. Ein solcher Kalkputz kann zur besseren Entfeuchtung einer Wand beitragen. Der Putz wird aufgetragen und durch eine neue Verputzung ersetzt, sobald er seine Aufgabe nicht mehr erfüllen kann. Dieser Ersatz des Putzes wird durch opfern umschrieben" - so klärt uns Wikipedia auf. Wieder was gelernt!

Bevor wir Havelberg erreichten, mussten wir bei dem Ort Werben mit einer Fähre über die Hochwasser-führende Elbe. Das war angesichts der Wassermassen ein echtes Erlebnis und nicht ganz ungefährlich. Die Elbe hatte die Auen breit überflutet und war sicher auf die mehr als doppelte Normalbreite angeschwollen. Aber alles ging gut und wir konnten die letzten Kilometer gefahrlos hinter uns bringen.

Und dann sahen wir ihn vor uns - hoch über der Stadt thront dieser Dom St.Marien auf einer eiszeitlichen Anhöhe mit seinem mächtigen Westriegel - ein echtes Wahrzeichen des Elbe - Havel - Landes und für heute ein Höhepunkt unserer Tour (rechts). Vor uns war schon Kaiser Otto I. hier gewesen und hatte 948 Havelberg zum Mittelpunkt eines Bistums erhoben, welches jedoch bereits 983 wieder unterging - das Scheitern der Christianisierung in den slawischen Gebieten östlich der Elbe war dafür verantwortlich. (Der Slawenaufstand von 983 war eine Erhebung der slawischen Liutizen und Abodriten östlich der Elbe gegen die Eingliederung in das Ostfrankenreich.)

Im Jahr 1170 wurde der romanische Dom - dem ein Chorherrenstift der Prämonstratenser angeschlossen war - geweiht und blieb in weiten Teilen so erhalten, obwohl nach einem Brand 1279 gotische Stilelemente eingebracht wurden. Die damals entstandene Verbindung romanischer und gotischer Stilelemente ist heute noch deutlich erkennbar.

Der Dom ist eine dreischiffige, langgestreckte Pfeilerbasilika ohne Querhaus mit einem Westwerk, welches im unteren Teil aus Grauwacke - Bruchstein besteht. Schon um 1200 wurde auf diesen unteren Teil ein weiteres Geschoß aus rotem Backstein mit drei Arkaden gesetzt und zu Beginn des vorigen Jahrhunderts ein weiteres, im neoromanischen Stil gehaltenes Geschoß mit fünf Arkaden aufgesetzt. Dieses ziert ein vergleichsweise zierliches Glockentürmchen, das so die monumentale Wucht des Baues verharmlost. Deutlich sind diese Bauabschnitte auf dem linken Bild zu erkennen.

Links ein Blick in das Mittelschiff zum Altar und dem Lettner. An der Decke mit einem Kreuzgratgewölbe hängt ein Triumphkreuz, welches die bekannten Figuren zeigt: Jesus, Maria und Johannes.

Um 1400 erfolgte der Einbau des Lettners (Foto) mit seinen eindrucksvollen Passionsreliefs und Skulpturen. Die Schranke gibt ein einheitliches Bildprogramm mit 14 Skulpturen und 20 Reliefs mit der Thematik Einzug Jesu in Jerusalem bis zum Jüngsten Gericht.

Zum Schluß noch ein Blick in den Kreuzgang, mit dem Epithaph einer - wahrscheinlich sehr angesehenen - Familie.

Jetzt wollen wir die Romanik mal einen Moment vergessen und von unserer Fahrt im Allgemeinen berichten. Heute erreichen wir bei bestem Wetter und "Oben Ohne" - dafür haben wir letztlich das Cabrio genommen - unser Standquartier in Tangermünde, das Ringhotel Schwarzer Adler, Lange Straße 52, Tel: 039322 / 960. Und nachdem wir unsere Suite mit separatem Fernsehzimmer und großem Bad bezogen hatten, machten wir vor dem Abendessen einen ersten Stadtbummel.

Zu den ersten Zielen gehörte das spätmittelalterliche Rathaus der Stadt (links), das mit seiner 24 Meter hohen Schauwand zu den schönsten Profanbauten in Norddeutschland zählt. Es wurde in verschiedenen Bauabschnitten zwischen 1430 bis 1480 erbaut. An der Ostseite findet man eine kleine Bronzeskulptur, die Grete Minde darstellt. Was hat es mit dieser Figur auf sich? Dazu gibt es eine Novelle von Theodor Fontane, die im 17. Jahrhundert spielt und folgendes erzählt:

Grete Minde soll angeblich aus Rache für ein ihr verweigertes Erbe die Stadt angezündet haben. Eine Grete Minde lebte dort tatsächlich, einen Erbschaftsprozess gab es auch und 1617 kam es in der Stadt zu einem Großbrand. Im Unterschied zu Fontanes Novelle gilt die wahre Grete Minde heute als unschuldig und vielmehr als ein Opfer von Intrige und eilfertiger Justiz, die sie nach Verleumdung und Folter zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilte. Am 22. März 1619 wurde sie qualvoll hingerichtet.

Christel vor dem "Neustädter Tor", das zu der noch weitgehend erhaltenen Stadtbefestigung gehörte (links).

Nächste Ziel war St. Stephan, eine evangelische Kirche im Stil der Backsteingotik, "die zu den herausra-genden Denkmalen europäischen Ranges in diesem Baustil gezählt wird (rechts)" - so der Reiseführer.

Wir kamen ausserdem in den Genuß eines 30 minütigen Orgelkonzerts mit Werken von Händel, Haydn und Mendelsohn Bartholdy.

Zurück zur Romanik - am Freitag, dem 20. August besuchen wir die Kirchen in Schönhausen, Sandau und Jerichow.

In Schönhausen steht die Dorfkirche St. Maria und St. Willibrord, deren Weihe im Jahr 1212 durch eine Urkunde sicher datiert werden kann. Wir bekommen wieder eine "Exklusivführung" und erfahren, dass es sich hier um die Hauskirche der Familie von Bismarck handelt, an die zahlreiche Grabdenkmäler und Epitaphien erinnern. Reichskanzler Otto von Bismarck wurde am 1. April 1815 in Schönhausen geboren und soll in dieser Kirche getauft worden sein. Die Ehefrau Stephanie unseres derzeitigen Verteidigungsministers ist eine geborene von Bismarck-Schönhausen und Ur-Urenkelin Otto von Bismarcks.

Die Backsteinkirche weist unter den Dachtraufen viele Kreuzbogen- und Rautenfriese mit Zahnschnitt darüber auf. Ausserdem wird das Mauerwerk durch Lisenen gegliedert (rechts).

Unsere Führerin macht uns auf eine Besonderheit an der Nordseite des Westturmes aufmerksam - ein Backstein in dem Fries hochoben weist hier ein Gesicht auf (links). Gut, dass mein Fotoapparat einen großen Zoombereich hat.

Im Innern der Kirche sind das spätromanische hölzerne Kruzifix von 1236 (rechts), die Herrschaftsempore der Familie von Bismarck, ein Taufbecken von Anfang des 13. Jahrhunderts mit einer Engelfigur und eine 4-fach Sanduhr erwähnenswert. Die Sanduhr zeigt viertel, halbe, dreiviertel und ganze Stunden an und soll den Pfarrer daran erinnern, nicht zu lange zu predigen ! (3 Bilder unten)


Die Pfarrkirche St. Nikolaus und St. Laurentius in Sandau, ist ein Nachfolgebau der Klosterkirche in Jerichow. Um 1200 entstanden, erfolgten um 1450 die noch heute sichtbaren gotischen Umbauten im Chor. Die äussere Gestaltung weist aber nach wie vor romanische Stilmerkmale wie Lisenen und Rundbogenfriese mit Zahnschnitt auf. Auf dem Bild der romanischen Apsis sind diese deutlich zu erkennen (unten).

Am 13. April 1945 wurde Sandau fast vollständig zerstört, nachdem eine vor der Stadt stationierte Einheit der Waffen-SS die Übergabe unterbunden und einen amerikanischen Parlamentär erschossen hatte.

Nach einem zwölftägigen Bombardement eroberten amerikanische Truppen die kleine Stadt am 25. April 1945. 80% der Gebäude sind zerstört, darunter befindet sich auch die Kirche und hier besonders der Turm (oben links).

Mit ihren rundbogigen Arkaden, den rechteckigen und runden Pfeilern mit schön gearbeiteten Trapezkapi-tellen, dem hohen Triumph-bogen und der einfachen Holzdecke entfaltet sich der volle Reiz dieser backstei-nernen Basilika im Inneren der Kirche (links).

War gestern der Dom zu Havelberg ein Höhepunkt, sollte dies heute die Klosterkirche St. Marien und St. Nicolai in Jerichow sein. Die paar Kilometer über die B 107 waren bei herrlichem Wetter und mit offenem Cabrio ein Genuss und nach einer Tasse Kaffee in einer Bäckerei in Jerichow fuhren wir zur Kirche.

Ein Graf Hartwig von Stade gründete 1144 in Jerichow ein Prämonstratenserstift und vier Jahre später wurde die heutige Kirche erbaut.

"Sie ist der älteste und künstlerisch vollendetste Back-steinbau des altmärkischen Kulturraumes" - so unser Reiseführer.

1159 vom Papst bestätigt, war das Stift bis zum Jahr 1534 stark heruntergewirtschaftet, wurde 1552 aufgelöst und diente nur noch als Domäne, bevor es 1945 in ein Volksgut überging.

Die Jerichower Klosterkirche ist eine dreischiffige Säulenbasilika im Stil der Spätromanik aus - vor Ort gefertigten - Backsteinen erbaut. In dieser schlichten Schönheit und der weitgehend unveränderten Ausprägung liegt auch die Einmaligkeit der Anlage. Das obige rechte Bild zeigt einen Blick in das Kircheninnere zum Hohen Chor mit der darunter liegenden Krypta, vorne das Taufbecken, weiter hinten links der Osterleuchter.

Nachdem wir unsere Eintrittskarten gelöst haben, können wir das Kloster betreten und gelangen zunächst in das sog. Sommerrefektorium (oben links). Durch den Kreuzgang (oben rechts) gelangen wir durch ein kleines Portal - genau wie früher die Chorherren - in das Innere der Kirche (links).

Am Schaft einer Säule dieses Portals hat der Steinmetz neben Blattranken und Dämonen einen kleinen Fuchs in Mönchskutte gestaltet, welcher zwei Gänsen ganz offensichtlich eine Predigt hält (rechts). Das wir diese Darstellung überhaupt gefunden haben, verdanken wir einer netten Dame - einer pensionierten Pastorin aus Bochum - die mit uns eine kleine Führung machte. Sie macht jedes Jahr auf eigene Kosten hier solche Führungen - wie auch andere pensionierte Pastöre in Deutschland.

Eine weitere Besonderheit dieser Kirche ist eine zweischiffige Krypta unter Vierung und Hohem Chor. Hier konnten wir wieder viele Kapitelle bewundern.


An der Ostseite sind drei Apsiden mit der typischen Gliederung in Lisenen und Bogen-, Zahnschnitt- und Sägezahnfriesen zu sehen. Ausserdem entdeckte ich diesen Kopf eines Ungeheuers an einem Fries! (3 Bilder links und oben).

Jetzt wird noch schnell der Jerichower Stadtkirche ein Besuch abgestattet (links). An der Stelle des 1144 gegründeten Prämonstratenserstifts wurde um 1230 diese Kirche als spätromanischer Bau errichtet.

Die Kirchen in Roßdorf (rechts) und Neuenklitsche verzeichnet unser Führer wieder einmal nicht, wir sehen sie uns trotzdem an. Roßdorf wurde 1368 erstmals urkundlich im Lehnbuch der Magdeburger Bischöfe erwähnt. Die kleine Dorfkirche mit dem Fachwerkturm ist das markanteste Bauwerk der Gemeinde

In Neuenklitsche entdecken wir diese spätromanische Backsteinkirche (links), erbaut zwischen 1371-75. Der Vorgängerbau von 1150-80 war von Jerichower Mönchen errichtet worden, fiel aber einem Brand zum Opfer. An den Außenwänden von Chor und Saal findet man mittelalterliche Rüstlöcher, zwei Ritzsonnenuhren (she. auch Redekin)und zahlreiche, tief ausgearbeitete Rillen- und Näpfchenschürfungen an der Süd- und Ostseite (rechts und Kasten).

Anschliessend sehen wir uns die Kirche in Melkow (unten links) noch an. Sie ist außen und innen im romanischen Originalzustand erhalten geblieben. Markanter Bauschmuck - Winkel- und Rundbogenfriese und auch wieder diese Näpfchen- und Rillenschürfungen - ziert die Mauern der wehrhaft wirkenden Kirche.

Diese kleinen Dorfkirchen sind in der Regel verschlossen und wir hätten jedesmal per Telefon eine Führung erbitten müssen, was viel Zeit gekostet hätte. So haben wir uns in diesen Fällen mit einer nur äusseren Besichtigung begnügt.

Näpfchenschürfungen

Ich habe herauszufinden versucht, was es mit diesen Näpfchenschürfungen auf sich hat - zunächst vergeblich. Um so mehr bin ich Herrn Wolfgang Fuhrmann aus Alt-Rehse bei Penzlin für folgende Information dankbar:

Neben Vermutungen, Behauptungen und Fundbeschreibungen gibt es bisher leider nur wenige Darstellungen, die ernsthaft versuchen, den Erscheinungen an diesen alten Kirchen - die sich hauptsächlich bis fast ausschließlich im norddeutschen Raum nachweisen lassen - aus historischer, medizinischer und ethnologischer Sicht nachzugehen. Auch die Pastoren dieser Kirchen wussten oft nichts über diese Zeichen und hielten sie gar für Kriegsfolgeschäden. Woher stammen sie also?

Da, wo eine "Heilerin" lebte oder wo der Ton, aus dem die Ziegel der Kirche geformt waren, heilkräftige Stoffe enthielt und so mit dem Wissen der "Alten" das mit silbernen oder goldenen Geldstücken oder Löffeln herausgedrehte Tonmehl zur Heilung kranker Menschen oder Tiere Verwendung fand - Betonit ist z.B. solch ein heilkräftiger Inhaltsstoff - da sehen wir noch heute die Spuren einer vergangenen Zeit und ihres heute zumeist verloren gegangenen Heilwissens.

Aber es ist nicht nur das alte Heilwissen, das uns zu den Ausschabungen hinführt. Als 1812/13 sich die Freiwilligen in Preußen und Mecklenburg meldeten, um gegen Napoleon ins Feld zu ziehen, da bekamen sie von der Braut, der Mutter oder der Großmutter Ziegelstaub von ihrer Kirche, in ein kleines Säckchen genäht, um es in der Uniform zu tragen.

Zwei wirklich schöne und überzeugende Erklärungen für diese Ausschabungen und ein herzliches "Dankeschön" an Herrn Fuhrmann nach Alt-Rehse.



Etwas weiter südlich liegt der Ort Redekin und auch hier gibt es eine Dorfkirche zu besichtigen. Der unter Jerichower Einfluss um 1200 errichtete Bau zeigt auch heute noch sein ursprüngliches Backsteinmauerwerk, welches auch wieder mit Lisenen und verschiedenen Friesen geschmückt ist. Das ist besonders schön an der Ostapsis zu erkennen (unten Mitte).

Im ansonsten schmucklosen Turm des Westwerks sind je drei gekuppelte Rundbogenfenster als Schallöffnungen angebracht (rechts). In der Südwand des Chores entdeckten wir in den Stein geritzte Sonnenuhren (unten links).

Jetzt ist noch von zwei wirklichen Kleinoden zu berichten und zwar von den Dorfkirchen in Wust und Pretzien. Die kleine, einschiffige Kirche von Wust (links) stammt aus der Zeit um 1200, ist also der Spätromanik zuzuordnen. Auch hier stand die Jerichower Klosterkirche "Modell". Lediglich der Fachwerkaufsatz auf dem barock veränderten Turm stammt aus dem Jahr 1727. Das untere Bild zeigt den quadratischen Chor und die Apsis mit ihrem Winkelfries.

An die Apsis wurde 1706/07 eine Gruft für die Familie von Katte angebaut (unten links), als die erste Frau Hans Heinrichs von Katte, eine geborene Gräfin von Wartensleben, plötzlich starb und die Turmgruft bereits überfüllt war. Hier ruhen ebenso die Gebeine des Jugendfreundes Friedrichs II. Hans Hermann von Katte, der als Mitwisser der Fluchtpläne des Prinzen vor ein Kriegsgericht gestellt und am 6. November 1730 hingerichtet wurde.

Der Blick ins Kirchenmittelschiff zeigt rechts und links die umlaufende bemalte Empore und Teile der ebenfalls noch in den Originalfarben aus dem 17. Jahrhundert vorhandenen Kas-settendecke (unten lins). An der Süd-wand des Innen-raumes sehen wir eine sog.

Aufschwörtafel
der Familie von Katte - was hat es damit auf sich?

Aufschwörtafel

Eine Aufschwörtafel ist de facto der genealogische Stamm-baum einer Familie zum Nach-weis der adligen Abstammung.

Die Abstammung musste über mehrere Generationen mit Wappen lückenlos nachgewiesen werden.

Rechts die Aufschwörtafel der Familie von Katte in der Kirche in Wust.



Die Informationen über die Familie von Katte und noch viele weitere Einzelheiten über die Kirche und ihre Geschichte erfuhren wir von einem Pensionär, den wir per Handy aufgetrieben hatten.

Er hätte uns am liebsten noch den ganzen restlichen Tag an seinem fundierten Wissen teilhaben lassen (wer weiß schon, daß die von Bismarcks aus Schönhausen bei den von Kattes "in der Kreide standen" und das zu DDR-Zeiten die Kirche abgerissen werden sollte, aber die dafür erforderlichen 120.000,- (Ost-)Mark nicht vorhanden waren) - aber wir wollten doch noch nach Pretzien und deshalb haben wir nach 1 Stunde einen "break" gemacht.

Die Kirche in Pretzien (rechts) sollte unser letztes "Objekt" und eines der sehenswertesten dieser Tour werden. Markgraf Albrecht der Bär hatte 1140 den Auftrag zum Bau der Kirche gegeben. Aus Quarzitgestein erbaut, zeigt sich die Kirche äusserlich fast schmucklos - nur an der Apsis ein Rundbogenfries und Lisenen - aber ihre wahren Werte liegen im Innern!

Ein kleiner Flyer informiert uns, daß Frau Anna-Maria Meussling als ausgebildete Restauratorin und Frau des damaligen Pfarrers am 29. August 1973 bei einer Kontrolle der Wände die Fresken entdeckt hat, die heute zu besichtigen sind. In mühevoller 4-jähriger Arbeit hat sie mit einem Skalpell die 6 - 9 unterschiedlichen Schichten von Anstrichen abgenommen. Das erfuhren wir bei einer Führung durch Frau Meussling persönlich und sehr engagiert!

Die Fresken stellen heute - gemessen an ihrer Qualität und ihrem ikonographischen Programm - das wertvollste Zeugnis spätromanischer Wandmalerei in Mitteldeutschland dar. Die Bilder sollen für sich wirken:




So - die Kirche in Pretzien war das letzte Ziel, das wir uns vorgenommen hatten. Insgesamt haben wir 28 Objekte in diesen 6 Tagen besichtigt und das war zwar manchmal anstrengend. Aber wir sind absolut und gemeinsam der Meinung, daß sich auch diese Reise für uns gelohnt hat. Wir haben wunderschöne und interessante Kirchen und Klöster gesehen, nette Leute kennengelernt und nicht zuletzt wieder einen Teil unseres schönen Deutschland besucht.

Dazu gehörte auch eine Schifffahrt auf der Elbe, von Magdeburg zum Europäischen Wasserstrassenkreuz (2 Bilder oben), das ich ja schon bei meiner Elberadtour im vergangenen Jahr gesehen hatte und das Christel jetzt auch kennt.

Und es gehörte ein Besuch der alten Hansestadt Stendal dazu, wo wir im Schatten der Figur des Roland einen Kaffee genossen haben (links). Obwohl uns die Stadt selber etwas enttäuschte.

Nachdem wir nun durch unsere insgesamt drei Reisen die STRASSE DER ROMANIK kennen, können und werden wir uns für das nächste Jahr neue Ziele suchen - und die werden wahrscheinlich wieder in Deutschland liegen.